Prof. James Kelly: Wir schaffen Talente, keine Fahrzeuge

Prof. James Kelly: Wir schaffen Talente, keine Fahrzeuge

James Kelly, Professor der Hochschule Pforzheim University, Transportation Design, stellt unmissverständlich klar und schiebt das Klischee „Zukunft durch Herkunft“ für seine Arbeit mit den Studenten weit von sich: „Bei uns kommt keine Inspiration aus der Vergangenheit und keine Ableitung aus der Gegenwart. Wir denken in die Zukunft, weit in die Zukunft.“

Im Schalensitz Nr. 20

Kelly betont weiter: „Das ist spannend, weil wir am Semesteranfang noch nicht wissen, wo wir rauskommen.“ Dieser Ansatz reizt die Automobilindustrie, da für diesen konsequenten Ansatz im eigenen Unternehmen meist keine Kapazitäten vorhanden sind. Deshalb unterstützen die Fahrzeughersteller die Hochschule Pforzheim University, allen voran Mercedes-Benz.

Am vergangenen Wochenende  präsentierte die Hochschule im CongressCentrum Pforzheim die Semesterarbeiten 2009/2010. Für den schwäbischen Autobauer erdachten sich die Studenten aus aller Welt ein Einstiegsmodell aus – unter dem Motto „My first Mercedes-Benz“. Aber auch für das Audi Design Center Ingolstadt dachten die Studenten weit in die Zukunft der Mobilität. Khalid Hadad ließ sich dabei von Landschaftsformen in der Wüste inspirieren. Zu sehen waren auch die Gedanken zu einem Projekts namens "Cargo 2020", das in Zusammenarbeit mit der Nutzfahrzeugsparte von VW entstand. Aufgabe der Studenten war es, Konzepte für den Güterverkehr der nahen Zukunft zu entwerfen, wobei die Fahrzeuge so konzipiert sein mussten, dass sie mindestens sechs Europaletten inklusive einer Standardbox transportieren könnten. Stefan Roth präsentierte beispielsweise den „Cluster“, zu deutsch „Schwarm“. Dieser soll den größten Teil seiner Route ohne Fahrer auf der Schiene zurücklegen können und ist dementsprechend mit Straßen- als auch Schienenrädern ausgestattet.
James Kelly und seine Studenten präsentierten auch ein Fahrzeugkonzept für den Erholungsort Bad Herrenalb im Schwarzwald , ohne jegliche Vorgaben. Also erarbeiteten sich die Studenten die Eckdaten selbst – und landeten durch die 30 km/h-Geschwindigkeitsbeschränkung bei einem Design, welches an Kutschen erinnert, also mit schmalen Rädern und hohem Aufbau. Dies assoziiert geringe Geschwindigkeit und schafft einen hohen Sympathiewert. Das Ziel war eine prägnante und eindeutig zuordenbare Fahrzeuggattung zu schaffen, ähnlich wie ein „London-Taxi“ es ist, da dieses immer eindeutig der englischen Hauptstadt zugeordnet wird.

Für James Kelly und seine Studenten hat diese aufwändige Präsentation einen zusätzlichen Mehrwert. Aus ganz Europa reisen Headhunter  für die Designabteilungen der Industrie an – und Suchen talentierte Nachwuchsdesigner. „Unsere Studienabgänger sind sehr gefragt“, betont Kelly stolz. „Wir schaffen Talente, keine Fahrzeuge“, grenzt er seine Arbeit in der Hochschule – welche er übrigens seit 18 Jahren ausübt – von der Arbeit in der Autoindustrie ab.
Doch warum treffen wir James Kelly nicht nur in Design-Centern oder auf Automobilmessen, sondern auch auf Rennstrecken, wenn doch die Historie für seine Arbeit als Designer keine Rolle spielt? „Das ist eine andere Leidenschaft“, bekennt er mit leuchtenden Augen. Den nachhaltigen Wert von Design könne man freilich aus der Historie ableiten, räumt der passionierte Formel 3-Fahrer relativierend ein. Deshalb bringt Kelly seine Studenten auch einmal jährlich auf die Rennpiste, genaugenommen auf den Hockenheimring. Im Rahmen der „Hockenheim Historic – in Memory of Jim Clark“ (siehe auch im schalensitz Nummer 2) vergibt die Hochschule Pforzheim University, Transportation Design, Designpreise in zwei Kategorien: für den schönsten Formel-Rennwagen und für den schönsten Sportprototypen. Die Jury besteht aus 20 Studenten des höchsten Lehrgangs „Masters“ und ihrem Professor, dessen Stimme übrigens nicht schwerer gewichtet wird. Diese Design-Preise sind einmalig in der Oldtimer-Szene, da Schönheitspokale bisher nur bei statischen Veranstaltungen wie einem Concours d`Elegance vergeben wurden.

Diese Ausgabe von im Schalensitz erschien am 8. Februar 2010

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