Paul Pietsch - 100 Jahre bewegtes Leben

Paul Pietsch - 100 Jahre bewegtes Leben

Die 100 Jahre-Feier für den ehemaligen Rennfahrer und die Verleger-Persönlichkeit Paul Pietsch war zweigeteilt. Die schönste Auszeichnung für den Jubilar war, so Prof. Dr. Ferdinand Piech, am 18. Und 19. Juni 2011 eine Rallye von Freiburg im Breisgau, dem Geburtsort von Pietsch, über Offenburg nach Stuttgart. Rund 100 geladene, meist prominente Lenker in grandiosen Automobilen befuhren die schönsten Routen und ehemaligen Rennstrecken des Schwarzwaldes. Mit von der Partie waren acht Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, „als wichtiges Signal“, so Piech weiter.

Im Schalensitz Nr. 72

Der krönende Abschluss der „Paul Pietsch Classic“ war nach rund 500 Rallye-Kilometern der Empfang auf Schloss Solitude am Sonntag  Abend mit anschließender Gala in einem auf der Schloss-Rückseite eigens für die rund 200 Gäste aufgestellten Zelt. „Ein Zelt in dieser Größe und Güteklasse hat es auf dieser historischen Stätte noch nie gegeben“, so der prominente und umtriebige Koch Jörg Mink, der für die Schloss-Gastronomie verantwortlich ist.

Der eigentliche Festakt fand dann am tatsächlichen Geburtstag des Verlagsgründers im Weißen Saal des Neuen Schlosses der Stadt Stuttgart statt. Rund 300 hochrangige Gäste aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik erlebten Festredner wie Dr. Nils Schmidt, stellvertretendes Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Prof. Dr. Ferdinand Piech, VW-Aufsichtsratsvorsitzender, Prof. Dr. Hubert Burda, Präsident der Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger sowie Peter-Paul Pietsch, Sohn des Jubilars. Das bewegende Leben von Paul Pietsch konnte so in allen Facetten durchleuchtet werden, wobei die launige Festrede von Hubert Burda deutlich hervorstach. Dieser würdigte das Automobil als Juwel der deutschen Wirtschaft und machte deutlich: Was Florenz für die Renaissance bedeutet, bedeutet Stuttgart für das Automobil.“ Der Verleger machte aber auch deutlich, dass neben Florenz auch Venedig glänzte und erst die Konkurrenz beider Städte Italien groß gemacht habe. Die Flanke in Richtung Wolfsburg hatte Dr. Nils Schmidt gänzlich unterschlagen. Der stellvertretende Ministerpräsident betonte etwas zu beharrlich auf der Feststellung, dass „die besten Autos aus Baden-Württemberg kommen und auch künftig kommen werden.“. Nach der dritten dieser einseitigen Betrachtungen vermuteten die Gäste eine bissige Antwort von dem nachfolgenden Redner Dr. Ferdinand Piech. Diese blieb aber aus und Piech schwelgte eher in Erinnerungen der Pietsch-Ära und brachte das Erfolgsrezept des Jubilars auf den Punkt: „Es sind seine Bestrebungen nach technischer Perfektion, sein Stehvermögen uns sein Benzin – und heute auch Diesel – im Blut.“.

Paul Pietsch wird am 20. Juni 1911 in Freiburg im Breisgau als Sohn des Braumeisters Alois Pietsch und dessen Gattin Amalie geboren. Als Dreizehnjähriger erlebt er sein erstes Autorennen – und ist sofort fasziniert. Zwar durchläuft der Freiburger bis 1929 noch erfolgreich die zweijährige Handelsschule und beginnt eine Lehre als Bierbrauer. Doch 1931 startet Paul Pietschs Motorsportkarriere als blutjunger Privatfahrer. Gegen den Widerstand seiner Mutter kauft sich der junge Pietsch nach seinem 20. Geburtstag von dem Erbe seines früh verstorbenen Vaters einen gebrauchten Bugatti 35B, der vorher dem damals sehr prominenten deutschen Privatfahrer Heinz Joachim von Morgen gehört hat. Der erste Einsatz am 29. Mai 1932 bei einem Rennen in Wiesbaden-Erbenheim gerät spektakulär: Als Pietsch klar in Führung liegend einem scheinbar sicheren Sieg entgegenfährt, bleibt der Bugatti plötzlich stehen. Doch statt eines technischen Defekts stellt sich Spritmangel als Ursache heraus: Pietschs Mechaniker hatte vergessen, genug Treibstoff in den Tank zu füllen.


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Der zweite Versuch beim Internationalen Kesselberg-Rennen, bei dem er zum ersten Mal auf die ganz Großen des damaligen Rennsports trifft, führt den jungen Badener zum ersten Mal aufs Siegerpodest: Hinter Rudolf „Carratsch“ Caracciola und dem Schweizer Bergspezialisten Hans Stuber kommt „das Rennbaby“, wie Pietsch danach halb spöttisch, halb anerkennend genannt wird, als Dritter ins Ziel.
Der erste Sieg lässt dann nicht lange auf sich warten: Am 28. August 1932 gewinnt Pietsch bei seinem zehnten Start das Riesengebirgs-Rennen, gefolgt von einem weiteren Sieg am 11. September beim Rennen um den Elbepokal in Leitmeritz in der Tschechoslowakei. Damit hat sich der Nachwuchsfahrer Respekt und einen guten Ruf verschafft. 1933 bis 1934 etabliert sich Pietsch auf Alfa Romeo durch viele Rennerfolge als feste Größe im Rennzirkus und wird 1935 gemeinsam mit Bernd Rosemeyer als Nachwuchsfahrer in das Team der Auto Union berufen. Nach nur einem Jahr – Pietsch hatte Differenzen mit dem Rennleiter und Probleme mit den Auto-Union-Sechzehnzylindern – geht der Schwarzwälder wieder als Privatfahrer auf Alfa Romeo und später auf Maserati erfolgreich an den Start.

Als ein Höhepunkt der Karriere des Rennfahrers Paul Pietsch gilt der Große Preis von Deutschland am 23. Juli 1939 auf dem Nürburgring. Auf seinem Maserati 8 CTF bietet Pietsch in einem bravourösen Rennen der Übermacht der Silberpfeile von Auto Union und Mercedes-Benz überraschend die Stirn und lässt sie für kurze Zeit hinter sich. Wegen technischer Probleme mit seinem Rennwagen kann Pietsch die Führung nicht halten und muss sich Rudolf Caracciola und Hermann Müller geschlagen geben. Paul Pietsch gibt Jahrzehnte später zu Protokoll: „Ich glaube schon, dass der Große Preis 1939 mein bestes Rennen war.“
Der Zweite Weltkrieg, der wenige Wochen später mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen beginnt, lässt keinen Motorsport mehr zu. Paul Pietsch wird am 2. Januar 1940 zum Militär eingezogen und muss wie Millionen andere Männer in den Krieg ziehen.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg und zweifacher Verwundung und Gefangenschaft beginnt Pietsch 1946 seine zweite Karriere als Verleger. Wieder zurück im zerbombten Freiburg trifft Pietsch auf zwei alte Bekannte, die er noch aus seiner Rennfahrerzeit vor dem Krieg kennt: Ernst Troeltsch und Josef Hummel. Die Drei teilen noch immer ihre Begeisterung für den Rennsport, schwelgen in alten Erinnerungen und entwickeln im Laufe der Zeit eine Vision: Wir machen eine Autozeitschrift! Mit den erhofften Einnahmen planen sie, zu dritt wieder in den Rennsport einsteigen zu können.

Mitte 1946 steht der Entwurf für die erste Autozeitschrift und das Trio legt der französischen Militärdienststelle Baden-Baden, die für die Lizenzierung von Presseorganen zuständig ist, ein gedrucktes Probeheft vor. Nach monatelangen, zähen Verhandlungen mit der französischen Militärregierung („In Deutschland wird es nie wieder so viele Autos geben, dass eine Autozeitschrift nötig wäre“) erhalten sie 1946 das begehrte Dokument, die Zeitschriften-Lizenz Nummer 1308. Im Dezember 1946 erscheint dann mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren und einem Umfang von 36 Seiten zum ersten Mal die Zeitschrift „DAS AUTO“, der Vorläufer der späteren auto motor und sport. Ab Juni 1947 wird „DAS AUTO“ aufgrund der großen Nachfrage monatlich publiziert; die Auflage klettert auf 50.000 Exemplare.

Der wirtschaftliche Erfolg des Verlages bahnt für Pietsch tatsächlich den Weg zurück in den Motorsport. 1950 startet er in dem blauen Veritas RS seines Freundes Josef Hummel und zeigt gleich bei seinem ersten Start, dass er in den elf Jahren Zwangspause nichts verlernt hat: Am 11. Juni 1950 gewinnt Pietsch das Eifelrennen auf dem Nürburgring in der Klasse der Sportwagen bis 1,5 Liter. 1950 gewinnt er auch die Deutsche Sportwagenmeisterschaft und 1951 die Deutsche Rennwagenmeisterschaft.

Doch der Erfolgskurs im Rennsport währt nicht lange: Ein schwerer Unfall beim AVUS-Rennen am 28. September 1952 und die wachsende berufliche Doppel-Belastung führen bei Paul Pietsch zur Entscheidung, die Rennfahrer-Karriere an den Nagel zu hängen und sich voll auf den rasch wachsenden Verlag zu konzentrieren. Nach dem Ausstieg von Josef Hummel sowie dem unerwarteten Tod seines Freundes und Geschäftspartners Ernst Troeltsch führt Pietsch ab 1956 den Verlag allein weiter und macht aus ihm Schritt für Schritt das größte Special-Interest-Zeitschriftenhaus Europas: Pietsch ergänzt das Verlagsportfolio um Zeitschriften im Motor-, Sport- und Lifestyle-Bereich, baut international aus und fungiert bis zu seinem 65. Lebensjahr als erfolgreicher Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart.
Ende 1976 zieht sich Pietsch aus dem Tagesgeschäft des Verlags zurück. Er bleibt als sehr aktiver Vorsitzender des Beirats dem Unternehmen weitere 20 Jahre eng verbunden und beeinflusst dessen Geschicke maßgeblich weiter. Im Schalensitz-Herausgeber Tobias Aichele  war  sehr geehrt, zu den 300 international geladenen Gästen gehört zu haben und freute sich ganz besonders darüber, exklusiv die Zusammenkunft des „Club international des Anciens Pilotes de Grand Prix F. 1“, also des Clubs der ehemaligen Formel 1-Fahrer, mit Paul Pietsch fotografieren zu dürfen. Aichele hatte Pietsch während seiner neun Jahre Verlagszugehörigkeit noch erleben dürfen und erinnert sich besonders gerne an einen Fototermin im Jahr 1996 zurück, als er den Grandseigneur mit seinem Sohn Peter Paul inmitten der Porsche Turbo-Flotte der Familie für das Buch „Mythos Porsche“ fotografieren durfte – mit viel Zeit für intensive Gespräche. Lieber Herr Pietsch, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu Ihrem 100. Geburtstag und möchte mich hochachtungsvoll für die wertvollen Jahre in dem von Ihnen gegründeten Verlag bedanken, die meinen späteren Werdegang einschneidend positiv geprägt haben. Ihr Tobias Aichele.

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