Youngtimer!

Youngtimer!


Kolumne

Jedermann liebt Youngtimer. Sie sind billig zu haben, günstig im Unterhalt und stilvoll. Man muss sie auch nicht so oft waschen, ein bißchen Schmutz gilt als Patina. Ein Youngtimer ist also der billigste Beweis für Stilsicherheit und Coolness. Toll. Oder?

Ein Neuwagen ist nicht jedermanns Sache. Man sitzt allzu abgekapselt drin, rollt durch den Verkehr als einer unter vielen, und teuer sind sie alle. Der Youngtimer ist die perfekte Alternative: alltagstauglich, optisch und akustisch hervorstechend, dabei ganz ohne die Tücken und Zumutungen eines richtigen Oldtimers. Wenn man die richtige Wahl trifft, kann man sogar richtig luxuriös unterwegs sein – in jedem Fall aber viel viel stilvoller als mit einem Leasing-Lutschbonbon. 

Pflegeleicht sind Youngtimer obendrein: Selbst wenn ein Youngtimer mal ein bisschen staubig ist, sieht er nicht gleich vernachlässigt aus, im Gegenteil: Patina macht ihn erst richtig authentisch. Ein Youngtimer ist viel billiger in der Anschaffung als ein Neuwagen, man kann ihn historisch oder auf 07er Kennzeichen zulassen, das macht Steuer und Versicherung konkurrenzlos billig.

Steile Ansage auf dem Firmenparkplatz

Wenn man sich sich auf dem Firmenparkplatz vom automobilen Mainstream abheben möchte, muss man bei einem Neuwagen schon richtig tief in die Tasche greifen – ein Youngtimer dagegen ist ein Fashion-Statement zum Nachwuchstarif. Was will man mehr? Mit einem Brot- und Butter-Auto der Siebziger zum Beispiel, Kadett und Rekord von Opel, oder Taunus und Granada von Ford, lässt sich ganz lässig ein ironisch gebrochenes Spiel mit bürgerlichen Werten entfalten ...

Oder? 

Leute, ihr guckt zuviel Werbung. Ihr glaubt, das sei alles so einfach: Ein altes Auto kaufen, die richtigen Adidas-Latschen tragen – wenn ihr jetzt beim Aussteigen nicht auf einer Bananenschale ausrutscht und aufs Maul fallt, ist alles palletti und Coolness ab sofort euer zweiter Vorname. Aber so einfach ist es eben nicht. Alte Autos machen nicht automatisch cool. Coolness lässt sich nicht durch Attribute herstellen. Stil findet man nicht in der Boutique oder bei Tarantino, sondern in sich selbst. Coolness kommt, wenn man was erlebt hat, und zwar draußen, auf der Straße, und nicht nur in der Agentur.

Vorsicht, schmutzig!

Autos sind keine Accessoires. Ein altes Auto ist nicht so simpel wie eine Sonnenbrille: Der Kauf ist nicht das Ende, sondern der Anfang der Mühe. Autos brauchen Aufmerksamkeit. Man muss sich mit ihnen beschäftigen, sonst sind sie bald tot. Man muss wissen, wie man mit ihnen umgeht, man muss sich mal die Finger schmutzig machen, und dabei kann halt mal ein Fleck auf die Engineered Jeans kommen. Man muss sich um Teile kümmern, um Wartung und Pflege, man muss sich Kontakte aufbauen – und diese Kontakte sind mitunter Menschen, die nichts von Mode wissen, keine Ahnung vom neuesten Handy haben und nicht wissen, was Minimal Techno oder Downbeat ist. Und manchmal sind sie auch schmutzig.

Wenn ihr von all sowas nichts wissen wollt, dann laßt bitte die Finger von Youngtimern. Eine Mühle für 2000 Euro kaufen, bis zum nächsten TÜV runter reiten und dann abstoßen, das ist schlicht barbarisch. Es gibt nämlich Menschen, die von alten Autos nicht überfordert sind und die es schmerzt, wenn Menschen wie ihr ein Auto verkommen lassen.

Ruiniert uns gefälligst nicht die Autos, ihr Schlampis! Kümmert euch um eure Mühlen oder besorgt euch einen Leasingvertrag.