Wolfgang und das Gaffer-Tape

Wolfgang und das Gaffer-Tape

Wo hört die Pflege auf, wo beginnt das Verbasteln, wie viel Restauration verträgt ein Oldtimer, wie viel eine Frau – und was hat Wolfgang Joop damit zu tun? Wiebke Brauer rätselt über eine ewige Frage.

„Guck mal hier. Sag mal, würdest Du da was dran machen?“ Die Antwort lautete wie immer: „Nö, würde ich nichts dran machen. Ist doch Patina.“ Ich schnaufte enerviert. Immer will man was machen, immer halten Männer das für überflüssig. Vielleicht reagieren Frauen empfindlich auf diesen Dialog, weil es sie in ihrem besinnungslosen Aktionsdrang bremst. Frauen möchten schließlich Dinge tun, Ordnung schaffen, Maßnahmen ergreifen und Ergebnisse sehen. Das macht die Welt übersichtlich und kontrollierbar. Vielleicht piekt der Satz Frauen auch, weil sie anfangen, über die Patina ihres Körpers nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann zu einer Frau sagt: „Gott, das musst Du jetzt aber mal wirklich neu lackieren, und diese Falten im Verdeck gehen gar nicht“ ist relativ gering. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass er sich nach einigen Jahren eine Neuanschaffung anlacht. Wer kann sich dem Reiz des Juvenilen schon entziehen.

Nichts scheint schwieriger, als in Würde zu altern, und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich um den Oldtimer in der Garage oder die eigene Physis handelt. Will man sämtliche Bezüge straffen, den Ausgeblichene nachfärben und jede Schramme überpinseln? Will ich, dass mein 380er wie Wolfgang Joop aussieht? Will ich nicht. Aber: Will ich den Riss im Ledersitz mit Tape überkleben, den Wagen einfach der Vergänglichkeit anheim fallen lassen, bis er mir unter dem Hintern verrottet? Will ich auch nicht. Wo liegt die goldene Mitte zwischen Endlichkeit und Ästhetik?

Wahrscheinlich in der schonenden Konservierung des Bestands, das klingt schon so vernünftig. Die menschliche Version heißt Michelle Pfeiffer, die hat was machen lassen – aber gut. Darüber sind sich zumindest alle Schönheitschirurgen einig. Hier wurde Botox in die Haube und Fett in die Hohlräume gespritzt und die Karosse bis in die Ewigkeit konserviert. Oder nehmen wir Sigourney Weaver, die ist Baujahr 1949 und altert schlicht schön. Aber ist mein Auto eine Sigourney Weaver?

Vielleicht sollte man sich einfach auf eine Begegnung bei einem Motorradladen besinnen, die vor mehr als zehn Jahren stattfand. Ich fragte nach verchromten Seitenspiegeln, um meine Maschine zu pimpen. Der Motorradmann besah sich meine alte BMW und blickte mir tief in die Augen. Dann sagte er:
„Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht ersetzen.“
Der Satz hatte Schönheit, ich kann es nicht anders sagen.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 16.08.2011