Vorstellung:  Mercedes Heckflosse W 111 ( 1959 - 1968 )

Vorstellung: Mercedes Heckflosse W 111 ( 1959 - 1968 )


Portrait

Für eine kalifornische Heckflosse, die in  ihren besten Zeiten über den Sunset Boulevard rollte, ist Kleinziethen bei Berlin eine echte Zumutung. Es nieselt aus einem granitgrauen Himmel und vor der alten LPG-Halle wird aus schlammigen Pfützen langsam ein kleiner See. Ein Paradies für Weißwandreifen? Definitiv nicht. Fast scheint es, als ob Stephan Baduras Mercedes-Benz 220Sb Automatic – Baureihe W111 – aus den Bandscheinwerfern weint

„Ach wat, der kann det ab,“ berlinert Badura, „der ist aus dem Berliner Alltag einiges jewöhnt.“ Für Badura ist der Benz neben seinem Karmann-Ghia Coupé der Zweit-Oldtimer, sein Brot- und Butterfahrzeug für die Regentage. Was nicht heißen soll, dass er das cremefarbene   Fahrzeug nicht innig liebt; darauf angesprochen, kommt er sofort ins Schwärmen über die Heckflosse.

Der W111 wurde vom damaligen Mercedes-Chef-Designer Karl Wilfert gezeichnet und ab 1959 als Nachfolger der großen Pontons gebaut. Weil das Fahrzeug, das Badura heute fährt, für den amerikanischen Markt bestimmt war, wurde es 1963 vor dem Export ab Werk leicht modifiziert.

„Die Stoßstangenhörnchen zum Beispiel waren in Kalifornien damals Vorschrift, die gab es bei der deutschen Ausführung nicht serienmäßig.“ US-spezifisch sind auch die zwei weißen Zusatzblinker, die den Kühlergrill flanieren. Zugelassen wurde das Fahrzeug am 1.Juli 1963 in Los Angeles offensichtlich auf eine Angestellte des amerikanischen Verteidigungsmisteriums, denn auf der Stoßstangen kleben noch die Zugangsgenehmigung für den Truppenstützpunkt Fort McArthur sowie das Etikett „Department of Defense, Registered Vehicle, Los Angeles“.

Die lange Reise in die Heimat

„Ich habe lange recherchiert, aber in den USA keine weiteren Besitzer gefunden. Das Fahrzeug wurde dort nur von einer Halterin gefahren, bevor es 1992 zurück nach Deutschland kam,“ erzählt Badura. Lars Rosenbrock aus Bremen, Liebhaber britischer Triumph-Sportwagen, kaufte während eines USA-Urlaubs statt wie geplant einer knüppelharten Rennschrippe diesen opulenten Cruiser. Er schrieb später: „Ein 220 S von 1963, mithin so ziemlich das Gegenteil sowohl von sportlich als auch von britisch. Auf der Habenseite waren dafür zu verbuchen: 73.000 originale Meilen, ein voll ausgefülltes Kundendienstheft; erster, wenn auch teilweise ausgebesserter Lack; beinahe tadelloser Innenraum und hervorragender Langstreckenkomfort. Negativ anzukreiden waren ausgeschlagene Achsschenkel; ein Schalldämpfer, der keinen Schall dämpfte. Das Ganze für 2950 Dollar Verhandlungsbasis. Kurz gesagt: Ich wollte diesen Wagen und keinen anderen.“

Rosenbrock überführte das Auto in einer zehnwöchigen Fahrt von Kalifornien an die Ostküste und ließ es nach Bremerhaven verschiffen. Wie lange er das Fahrzeug besaß, warum er es weggab, wer die Heckflosse danach nach Berlin brachte, liegt im Dunkeln. Stephan Badura jedenfalls hat den Wagen im Herbst 2000 in einer Moabiter Käferwerkstatt gekauft.

Der Stellvertreter 

Auch Badura war nicht auf der Suche nach einem Benz: „Ich habe mein Karmann-Ghia Coupé restauriert, das zog sich hin, und ich war auf der Suche nach einer Ersatzdroge. Mit Mercedes hatte ich eigentlich nichts am Hut. Die Alternative wäre etwas Sportlicheres, vielleicht ein Audi 100 Coupé gewesen, aber meine bessere Hälfte meinte, nimm den Mercedes. 8.000 Mark habe ich damals hingelegt.“

Inzwischen ist er mit dem deutschen Ami-Schlitten wie verwachsen, obwohl das Fahrzeug nicht in hundertprozentigem Zustand ist: In den USA hat die Heckflosse stellenweise Thermolack bekommen, der Risse ausbildet. Auch der Rost setzt dem Wagen inzwischen an den Türspitzen zu, aber richtig in Angriff nehmen will Badura die Sache derzeit wohl nicht. „Ich scheue mich vor einer Komplettrestauration, dann steht er nur jahrelang in der Garage, und dafür hab ich ihn ja nicht.“

Vielleicht später, wenn er auf Rente geht, aber das kann noch dauern - er ist gerade 40 geworden. „Das muß der Benz noch durchhalten.“ Informatiker Badura hat übrigens der Versuchung widerstanden, den Wagen elektronisch aufzurüsten: keine moderne Alarmanlage, kein verstecktes Navi-System, nur ein klassisches Autoradio mit Drehknöpfen, mehr an Entertainment hat die Heckflosse nicht nötig.

Onboard-Entertainment 

„Fahrspaß bringt sie auch so, mit der Automatik, der Servolenkung, und dem Bremskraftverstärker lässt sie sich mit zwei Fingern bequem fahren. Ich genieße es vor allem, wie in einer Sänfte gemütlich vorwärts zu schweben.“ Doch Achtung, wenn es sein muss, kann Badura auch die Sau rauslassen; das Auto hat einiges unter der Motorhaube: „110 PS! Man sollte nicht vergessen, dass Anfang der Sechziger diese Fahrzeuge noch die Rallye Monte Carlo gewonnen haben.“ In Baduras Fahrzeugbrief sind 165 km/h als Höchstgeschwindigkeit eingetragen. Die späteren, ab 1965 verkauften 230er-Heckflossen zogen zehn PS mehr aus ihren Sechszylinder-Motoren und fegten locker mit 200 Stundenkilometern über die Autobahnen.

„Aber eigentlich isser wat fürs Cruisen,“ sagt Badura, der sein Auto auch gerne mal zum Flanieren nach Berlin-Mitte ausführt. Obwohl, merkt er an, ganz ungetrübt ist die Freude da nicht immer: „Mercedes, ob neu oder alt, da haste immer den Neidfaktor, auch wenn’s noch so irrational ist.“ Neidfaktor? „Ja, mit dem Karmann-Ghia, da lacht die Gemeinde, da winken die jungen Mädels in ihrem Corsa oder Clio. Mit dem Benz, da werde ich – wenn überhaupt - von den älteren Herrschaften sechzig plus angesprochen. Nee, so ein Benz sendet schon andere Signale aus.“

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