Von Kreuzschlitzen und Stoßstangen

Von Kreuzschlitzen und Stoßstangen

Oldtimer sind ein sportliches Hobby für echte Kerle in Overalls oder fein gerippten Unterhemden. Hohe Absätze und enge Kleider haben nichts hinter dem Lenkrad zu suchen. So sagt man. Also er. Weit gefehlt, meint Wiebke Brauer

Ich mag Schuhe. Ich mag auch Schuhe mit hohen Absätzen. Ich habe auch kein Problem damit, in schwindelerregend hohen Stiefeln einen brandneuen Porsche Cayenne zu fahren. Oder einen alten Mercedes SL. Ist sogar gut für die Oberschenkelmuskulatur, streckt den Spann und sieht klasse aus – gerade wenn die Kupplung ganz langsam kommt. Ich kann auch überhaupt nicht finden, dass sich enge Röcke und tiefe Sportwagen nicht vertragen. Das Ein- und Aussteigen ist ganz einfach: Entweder man zieht den Rock bis kurz unter die Schlüppergrenze hoch und steigt dann elegant über die Schwelle. Kleiner Nachteil: Manchmal hat man danach ein paar Freunde zuviel aus der Baubranche. Muss es also beim Einsteigen zügig und ohne Fangemeinde gehen, wirft man sich mit einem beherzten Hechtsprung hinter das Lenkrad. Liegt man erst in Position, können die nach draußen ragenden Beine in den Wagen hineingefältet werden. Nicht, dass ich so wahnsinnig lange Beine hätte, dass man sie wie einen Zollstock mehrfach falten müsste, aber das nur nebenbei. Es gibt auch einen verdammt guten Grund für Frauen, sich einen Oldtimer mit zum Verrücktwerden viel Chrom zuzulegen. Man braucht keinen Spiegel in der Sonnenblende, um spich die Lippen in Karmesinrot nachzuziehen. Mir reicht da beim 123er Coupé schon der Kühler, beim Taunus die Radkappe – und bei manchen Modellen tut es sogar die Stoßstange.
Ich bin auch schon auf allen vieren in einem presswurstengem Bleistiftrock um einen Mustang herumgekrabbelt, um mit einem lackierten Fingernagel an kleinen Roststellen im Schwellerbereich zu kratzen. Und habe vorletzte Woche die Metallkappe eines Lippenstiftes an einen verzweifelten Mann ausgeliehen, der die Schraube eines Nummernschildes lösen musste. Schlitzschraubenzieher? Braucht kein Mensch. Estée Lauder tut es auch. Ich könnte jetzt auch angefangen darüber nachzudenken, wie es sich mit Wonderbras und wirklich sehr engen Sicherheitsgurten verhält. Aber das könnte ja ein Thema für nächste Woche sein. Wenn sich nicht vorher der Betriebsrat einschreitet - wegen Auto-Sexismus weiblicher Blogger.