Von fettigen Hostessen und klammen Schnitzeln

Von fettigen Hostessen und klammen Schnitzeln

Messe-Hostessen führen ein prima Leben, sie jetten von Metropole zu Metropole, hängen an teuren Autos herum und grinsen sich einen Wolf. Müsste so ein Job nicht wunderbar sein? Das fragt sich Wiebke Brauer – an ganz schwarzen Tagen.

Es gibt Tage im Leben, da wird es Herbst, das Laub nässt, die Stimmung graut, die Aussichten sind düster, Pakete werden gar nicht oder falsch geliefert, die Milch ist sauer und der Job stinkt. Schlachter benässen flauschige Meerschweinchen mit salzigen Tränen, Pazifisten träumen vom nuklearen Erstschlag, Frauen wollen zurück an den Herd, unter oder auf die Haube. Und siehe, heute ist so ein Tag. Der Regen fällt schwer, die Wollsocke klumpt, dem Wagen droht die Vermottung, das Motorrad staubt, und das Schreiben ist auch nicht mehr das, was es mal war. Zuviele Worte, gerade in der Mitte.
Da denke ich mir – wie schön wäre das Leben doch als Hostess. Nein, jetzt nicht als Begleitservice für Herren, sondern für Autos. Und so fühle ich mich ohnehin schon oft genug, ich geleite meinen Wagen über den Asphalt, belustige ihn, pflege und tätschel, tanke und turtel. Bezahlt werde ich in Naturalien. Freude am Fahren und so.

Hostessen, so denke ich weiter, sind ja eher anlehnungsbedürftige Typen, ständig hängen sie an, auf und neben Autos rum, mal auf dem Pariser Autosalon, mal in Detroit oder Genf. Genau mein Ding. Reisen bildet, Rumlungern kann ich, für’s Räkeln gibt es bestimmt Kurse mit modernen Bezeichnungen, „dynamic automotive sprawling“ oder so.

In jedem Fall bringe ich alle Voraussetzungen für eine Hostess mit. Welche da wären: „adäquate Umgangsformen, Fremdsprachenkenntnisse und meist auch ein ansprechendes Erscheinungsbild.“ Bingo. Wobei ich mich frage, wozu man als Hostess Fremdsprachenkenntnisse benötigt. Spricht es? Beantwortet es gar Fachfragen zu Einspritzung, Drallzerstäuber und Hochdruckpumpe? Ich nahm immer an, dass es maximal haucht, leer lächelt, Kusshände wirft und Fettflecke auf dem Lack hinterlässt. Schön übersichtliche Lebensaufgabe.
Auch die Kleiderfrage stellt sich nur in geringem Ausmaße. Die tragen ja nix. Das muss man natürlich mögen, so im Schlüpper über den kalten Lack schubbern. Oder wahlweise auf kalte Ledersitze gleiten und wie festgefroren lächeln. Und man stöckelt immer auf auberginenhohen Absätzen um den Neuwagen herum, unter zehn Zentimetern läuft da gar nichts.
Ach ja. Neuwagen. Da war was.

Jetzt könnte man einwenden, dass Damen ab einem gewissen Alter nur noch für Oldtimermessen gebucht werden. Vintage-Hostessen sozusagen. Dieser Aspekt verdirbt mir nun endgültig die Laune. Und ganz abgesehen von derlei geriatrischem Gedankengut: Die Messe-Hostess ist die Vorstufe der Prostituierten, und sie scheint ein bisschen zu sein wie Bio-Schnitzel für Veganer. Politisch völlig unkorrekt, aber noch nicht auf der untersten Stufe. Aber seltsamerweise ist es einfacher, eine Hostess zu verachten als eine reelle sexuelle Dienstleisterin. Hostessen verkaufen zwar nicht ihren Körper zur Gänze, aber dafür ihre Seele. Das ist irgendwie halbgar. Lauwarm. Klamm. Ein klammes Schnitzel am neuen Smart.
Och nö, Ich lass’ das mal.
Gut, dass wir das geklärt hätten.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 25.10.2010