Vorstellung Toyota Tercel AL20 ( 1982 1986 )

Vorstellung Toyota Tercel AL20 ( 1982 1986 )


Portrait

Die Front: verwechselbar. Die Flanken: offensichtlich vorhanden, aber ohne Kontur. Das Heck: viereckig - so einzigartig wie die Auslage beim Bahnhofskiosk. Das Interieur: genügend. Fast scheint es, als wolle sich dieses Auto unsichtbar machen. Und doch hat es seinen Liebhaber gefunden.

So ganz ist anfangs nicht zu verstehen, was er an seinem 1983er Toyota Tercel findet, selbst beim dritten Hinsehen nicht. Manche bringen an dieser Stelle das Wort "hässlich" an, was die Sache aber nicht recht trifft: Hässliche Autos leiden an verrutschten Proportionen, und die kann man dem Tercel nicht unterstellen. Er ist nicht hässlich, sondern unauffällig.

Umso erstaunlicher, dass Martin Neumann seinen Toyota überhaupt fand. Möglicherweise lags am Preisschild: 750 Euro. Dafür gabs schüchterne 51.000 km, frischen TÜV und rostfreie Substanz. Neumann hatte zu dem Zeitpunkt, anno 2003, schlechte Erfahrungen mit einem fabrikneu gekauften Kompaktwagen, aber wenig Geld, weil sein letzter Arbeitgeber den Betrieb dicht gemacht hatte.

Das löste sich alles in kurzer Folge: Zuerst gewann er 700 Euro beim Spiel 77 und konnte damit den Tercel finanzieren, dann fand er eine neue Anstellung, allerdings an einem 60 km entfernten Arbeitsplatz - jetzt hatte er auch Bedarf für ein Auto.

Der Toyota verdreifachte innerhalb von vier Jahren seine Laufleistung und zeigte sich davon völlig unbeeindruckt. "Er springt an, er läuft, er macht keine Zicken. Nach meinen Erfahrungen mit Neuwagen ist das dermaßen erholsam, dass er mir richtig ans Herz gewachsen ist. Natürlich war inzwischen der Endtopf fällig, die Bremsen musste ich überholen, aber wenn ich zu Toyota gehe, besorgen die mir schnell und günstig die Teile. Was will man mehr?"

Das moderne Auto schlechthin 

Als ihm der Tercel allmählich mehr wurde als ein nüchternes Transportmittel, vertiefte Neumann sich in die Hintergründe seines Autos. Für dessen Hersteller, fand er heraus, ist der Typ AL20 ein Wendepunkt, weil er der erste Toyota mit Frontantrieb ist. Der 65 PS-Motor besitzt eine obenliegende Nockenwelle - mehr als sechs Liter Normalbenzin verlangt er selten, hat Neumann ermittelt. Den Zahnriemen, der die Nockenwelle antreibt, muss man regelmäßig wechseln, aber sonst braucht der Tercel wenig Zuwendung. Er ist eben ein guter, unkapriziöser Freund.

Jetzt, wo wir allmählich verstehen, was Martin Neumann an seinem Tercel findet, entdecken wir eine außergewöhnliche Qualität, die dem Tercel AL20 eigen ist: In ihm finden wir das Wesen des modernen Kompaktautos, seine Essenz ohne Designschnörkel. Frontantrieb, Heckklappe, viel Innenraum bei geringen Außenmaßen - wenn wir sowas auf ein Stück Papier kritzeln, bekommen wir den Tercel. Er ist das moderne Auto schlechthin.

Alpträume in Designstudios 

Nun wird uns klar, an welchen Alpträume die Insassen von Designstudios seit 25 Jahren leiden: Die Form ist optimal, strukturell ist der Tercel nicht zu verbessern. Man kann ihm nichts nehmen, ohne dass er schlechter würde. Man kann ihm aber auch nichts Wesentliches mehr geben. Man kann ihn zwar sicherer machen, auch komfortabler - aber wenn man möchte, dass er sich von dem Entwurf der Konkurrenz unterscheidet, bleibt einem nichts als der Griff zum Schnörkel oder zu Elektronikspielereien.

Das also ist die eigentliche Bedeutung des Tercel: Er zeigt, wie moderne Autos in Wirklichkeit aussehen. Und er zeigt, wie langweilig sie eigentlich sind.

Für Martin Neumann ist es von zweitgrangiger Bedeutung, dass er mit einem Design-Meilenstein herumfährt. Sein Auto funktioniert überdurchschnittlich gut und frisst ihm nicht die Haare vom Kopf. Er ist eben ein moderner Mensch mit einem modernen Auto.

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