Rettungs-Einsatz – Der  Abwrack-Krimi

Rettungs-Einsatz – Der Abwrack-Krimi


Fortsetzungskrimi

Es war ein Auto-Krimi bester Machart. In den Hauptrollen: Eine verführerische Schöne auf vier Rädern, ein mieser Höker und ein edler Gebrauchtwagen-Ritter. Und auf Tatsachen beruhend.

Ganz Deutschland ist von der Abwrackprämie umzingelt. Ganz Deutschland? Nein. Eine kleine Gemeinde leistet tapferen Widerstand. Sie nennen sich „Liebhaber“, „Sammler“ oder einfach nur „Fahrer mit Restgrips“. Gestern ist einem von ihnen ein entscheidender Schlag gegen das herrschende System gelungen. Aber es war knapp!!

Ich kann nicht sagen, ich hätte nichtsahnend vor dem Rechner gesessen. Zwar spendete der heiße Inhalt meiner Kaffeetasse die grundlegende Gemütlichkeit, doch parallel fragte die Internet-Suchmaschine fieberhaft die Suchbegriffe „Abwrackprämie Oldtimer Forum“ ab. Ich erwartete ganz klar niederschmetternde Ergebnisse. Automobile Abgründe, die sich auftun wie die A-Säule eines Mercedes /8-Coupés nach 13 Jahren Teroson-Zugeschmatze. Und ich sollte recht behalten. Im BMW E 28-Forum las ich die Ouvertüre zu einem Abwrack-Krimi. Da schrieb ein gewisser Tom, dem die Pein merklich zwischen den Zeilen hindurch triefte:

„Als ob ich es geahnt hätte, so hat mich heute diese blödsinnige "Umweltprämie" eingeholt. Dabei dachte ich gestern gar nichts böses, als ich im Vorbeifahren an einem Opel-Händler irgendwo in der Traunsteiner Gegend eine Sharknose aus dem Hinterhof lugen sah. Klar, flugs gewendet und gleich gemustert. BMW E28 524td, Cosmosblau, innen pacific, bis auf Schiebedach und Kopfstützen hinten weitgehend Ausstattung "light". Aha, Tachostand noch knapp 5-stellig, jetzt wird’s interessant. Auto glänzt wie nach einer Profi-Aufbereitung, selbst bei genauerer Betrachtung konnte ich bis auf zwei kleine, mit Lackstift ausgebesserte Kratzer an einer Tür keine Lackschäden finden, die Scheinwerfer strahlen klar, sogar alle Chromteile sind makellos, nicht einmal die Stoßstangen zeigen die sonst typischen Verformungen.“

Ein wirkliches Paradebeispiel für Wirtschaftsförderungs-Schwachsinn. Der Redakteur in mir jubilierte. Schon erschien neben mir (Dr. Simson) mein Alter Ego (Mr. Pyke), der auf schnelle und billige Schlagzeilen fixierte Ressortchef. Ich haute ihm eins mit der 8,5 Kilo schweren Aston-Martin-Editionsausgabe über und las weiter:

„Als ich beim Händler vorsprach, zeigte sich dieser von meinem Kaufinteresse recht unbeeindruckt. Das Auto sollte, eh klar, gegen Erstattung von 2.500 Euronen platt gemacht werden. Der alte Herr Doktor hatte tatsächlich sein Prunkstück für Töchterlein’s neuen Corsa geopfert. Wenigstens durfte ich einen Blick auf den Brief werfen: Erster Besitzer, EZ 10/84. Nachdem ich auch das Auto genauer beäugen durfte, da spürte ich es wieder: Das unbekannte, adrenalinartige Enzym, das immer dann ausgeschüttet wird, wenn man meint, ein Auto unbedingt haben zu müssen, das jeder Altauto-Fanat unter uns gut kennen dürfte...

Nicht einmal nach unzähligen Kniefällen zwecks Unterbodeninspizierung konnte ich ansatzweise Rost finden. Der Motorraum ist einer der saubersten, die ich jemals gesehen habe. Weder verölt noch korrodiert, das Alu glänzt silbern und die Schrauben/Muttern funkeln wunderbar messingfarben...“

Auch ich ging in die Knie. Stöhnend. Kopfschüttelnd raufte ich mir das eh schon widerspenstigen Haupthaar und wägte die Alternativen gegeneinander ab: Den Dieselkraftstoff des 524 td nachts in den Tank des neuen Corsa füllen. Fällt aus wegen der CO2-Belastung, die mein 280 SEL von Hamburg nach Süddeutschland ausstoßen würde. Also Web-Vodoo: Den neuen Corsa der Tochter für 500 Euro bei mobile.de inserieren, inklusive der Telefonnumer von Gabriele (so heißen bei mir alle Corsa-Fahrerinnen, gibt es einen besseren Namen?) Nee. Die kriegen mich über meine IP. Das Kennzeichen des Corsa im E 28-Forum posten. Nicht schlecht. Schon besser. Tom berichtet indes weiter von seinem Martyrium:

„Der Zahnriemen wurde erst vor 900 Kilometern bei BMW erneuert. Ein Auto, in das man nach dem Kauf einfach einsteigen und losfahren könnte. Und der soll nun in den Schrott? Na toll! Immerhin konnte ich den Händler dazu überreden, den Wagen zumindest theoretisch zum Verkauf freizugeben. Allerdings müsste er dann 2.700 € dafür haben, ansonsten wird er spätestens übermorgen gepresst.

Gscheider Scheiß! Eigentlich brauche ich ja keinen E28 mehr, schon gar keinen td und auch nicht in dieser Farbkombi. Und der Preis ist ja auch nicht grad von Pappe.“

Ich springe auf, beiße mir auf den Handrücken, renne die nächsten Stunden wie ein chipgetuntes Ford-A-Modell durch die Wohnung, checke zwischendurch immer wieder das BMW-Forum nach einer Fortsetzung. Inzwischen weise ich Spuren von beginnender Verwahrlosung auf. Die Bartstoppeln sprießen, ich wate durch die Trümmer von Croqueverpackungen und leeren Colaflaschen, die sich während meiner Online-Belagerung angesammelt haben. Meine Kinder laufen vor mir davon und fragen meine Freundin „Mama, wer ist das?!“ Egal. Eine neue Nachricht von Tom im Forum:

„War vorher nochmal bei dem Opelheini, um noch ein paar letzte Fotos von dem Teil zu schießen:“

„Bis morgen Vormittag hab ich noch Frist, sonst fahren sie ihn zum Verschrotten, damit sie endlich den Antrag losschicken können. Auf irgendwelche Deals, wie z.B. das Auto für zwei Tage mit nach Hause nehmen und geschlachtet wieder bringen o.Ä. will er sich gar nicht einlassen. Selbst mit 300 € "Schmiergeld" wollte er sich nicht überreden lassen.“

Oh, Schrott! Heute ist bereits der von Tom erwähnte Vormittag! Ich musste doch eingeschlafen sein! Verflucht... Schnell ins Forum... :

„Hab ihn leider nicht..."

WAAAAAAAS???

"...einfach so dem Verwerter überlassen können.!"

AAARGH! Sehr witzig, Tom! Ächz. Hammer! Glückwunsch! Es muss eine fantastische Szene gewesen sein: Zur Musik von „Spiel mir das Lied vom Tod“ in Zeitlupe die Neuwagenhalle betretend, dem Micky-Maus-Krawatte tragenden Chefverkäufer verächtlich die Scheine ins Gesicht werfend, lässig Kraftfahrzeugbrief und Schlüssel des BMW vom Tresen wischend. Abgang. Boah. So’n lässiger Typ hat die Karre auch verdient. Oder?

„Die Überführungsfahrt und – jahreszeitbedingt – erste Fahrt mit einem E28 td seit Monaten war echt eine Offenbarung. Ich war diesen Winter hauptsächlich mit 2007er Ford Fiesta und Skoda Fabia unterwegs, aber jetzt sehe ich erst, was das eigentlich für Saukisten sind. Das gilt insbesondere für den Fiesta...!

Hah-hah!

„Gleich in der Nähe des Händlers ging’s auf die Seite zum Fotomachen:“

Ach, Tom. Danke. Und danke, liebe Abwrackprämie: Ohne dich wären wir um so viele Geschichten ärmer. Zumindest um diese hier.


ENDE?