Techno Classica 2008

Techno Classica 2008


Messebericht

Schlag auf Schlag: knappe zwei Wochen nach der Retro-Classics in Stuttgart öffnete die Techno Classica in Essen ihr Pforten. Und bot eine skurile Melange aus automobiler Upperclass und kulinarischem Proletariat. Wir waren mittendrin

Noch nicht einmal zwei Wochen waren seit der Retro Classics vergangen und schon machte sich der Carsablanca-Tross auf zur nächsten Oldtimer-Messe, der Techno-Classica in Essen. Wir waren extrem gespannt. Denn nachdem die Retro Classics mit genialem neuen Messegelände und extrem entspannter Athmosphäre gut vorgelegt hatte (Hier geht’s zum Bericht), war die Techno-Classica gefragt. Konnte der Platzhirsch den Angriff des Jungwilds abschlagen?

Rein in Zahlen gefasst auf jeden Fall. Mit über 165000 Besuchern und über 1000  Ausstellern aus 26 Ländern schnupft die Techno-Classica die Retro-Classics mal eben durch den Ansaugtrakt und verschluckt sich dabei noch nicht einmal – um mal eine Metapher aus dem Autobereich zu verbraten. Entsprechend herrschte auf den Gängen weniger Schwäbische Gemütlichkeit, dafür mit einem bunten Sprachgemisch eher internationales Flair – sehr angenehm!

Zudem hatte der Veranstalter, so wurde zumindest hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, kurz vor der Messe noch mal alle Register gezogen und die Händler in die Pflicht genommen. Sie sollten doch bitteschön nicht nur die Bestseller nach Essen mitnehmen, sondern auch den einen oder anderen Paradiesvogel. Und der Appell hatte offensichtlich gewirkt. Hatte wir in Stuttgart noch das Fehlen wirklich außergewöhnlicher Autos beklagt, herrschte daran in Essen wirklich kein Mangel. Vor allem Händler aus den europäischen Nachbarländern konnten mit ihren Exoten überzeugen, die selbst Routiniers noch das Wasser im Munde zusammen laufen lassen.

Vor allem in Sachen historischer Sportwagen gab es viel zu sehen, von Le-Mans-McLaren über Brabhams und Rileys bis hin zu Rally-Skodas.

Und wann bitte trifft man schon mal einen Lancia Stratos? Und dazu noch einen mit Patina? Mit einem Kaufpreis von über 200.000 Euro kreist der Wagen natürlich klar außerhalb unseres Orbits, aber alleine das Vergnügen, ihn gesehen und berührt zu haben war die Reise nach Essen wert. Patina ist übrigens ein gutes Stichwort, um an dieser Stelle mal ein Phänomen anzusprechen, über das wir bereits in Stuttgart gestolpert sind, welches uns jedoch in Essen noch krasser ins Auge stach: Dort waren Autos zu sehen, denen man eigentlich das Prädikat „Oldtimer“ absprechen muss. Und dabei reden wir nicht vom Jaguar XK 120 C eines niederländischen Händlers, der im Zuge seiner Restauration einen E-Lüfter und Scheibenbremsen rundherum erhalten hatte.

Nein, wir reden (wieder einmal) über die Phalanxen von 300SL, die sich, vor allem auf den Ständen deutscher Händler, in hoffnungslos überrestauriertem Zustand präsentierten. So wie sie da stehen, im Zustand besser als neu, sind sie mitnichten mehr Zeugen oder Teile der Automobilgeschichte.

An ihnen ist nichts mehr alt. Nicht das Erbe, das sie mitbringen, die Spuren, die die Zeit auf Ihnen hinterlassen hat. Die alten Teile, die alten Verfahren bei der Herstellung, all das wurde wegrestauriert. Sie sind nicht alt, sie sind perfekt – und steril.

Dieses Phänomen betrifft natürlich lange nicht nur die 300 SL. Fast alles, was sich in gutem Zustand für Preise jenseits der 100000 Euro verkaufen lässt, läuft Gefahr, sterilisiert zu werden. Porsche Carrera RS, Lamborghini Miura und Mercedes SSK – sie alle erstrahlen in einem unwirklichen Glanz.

Da wirkt der Dreck im Motorraum von Autos, bei denen sich die Vollrestauration noch nicht lohnt, plötzlich wie Balsam auf der Seele- Lamborghini Espada, Maserati Bora und natürlich all die Modelle deutscher Volumenhersteller stehen meist noch authentisch da – eigentlich muss man sie vor der Restauration retten, bevor es zu spät ist. Wer hätte gedacht, dass man das mal so sehen würde? Erholung von dieser Glamour-Strapaze boten in Essen zum Glück die Stände vieler Clubs, die sich, wie schon in Bremen und Stuttgart, mit kreativen Standkonzepten förmlich überboten. Von den Querlenkern, Deutschlands 1. Schwulen Oldtimer-Club, die Ihre Fahrzeuge auf einem Laufsteg inszenierten, über die Jungs und Mädels von der Bulli-Kartei, die Ihren Lieblingen einen eigenen Campingplatz aufbauten bis hin zur IFA-Gemeinschaft Nord mit einer halben VEB-Fertigungshalle – das war echte Leidenschaft.

Tja, so war das in Essen. Sterile Schönheit auf der einen Seite, Leidenschaft und Authenzität auf der anderen. Und über allem schwebte der Dunst unzähliger Würstchenbräter, Pommesbäcker und anderer Fressbuden, die so engagiert um die Wette brutzelten, dass sie in mancher Halle sogar den Neuwagengeruch der Oldtimer überdeckten.