Speed! Speed! Speed!

Speed! Speed! Speed!

Geschwindigkeit ist alles, sagen die einen. Geschwindigkeit ist nichts, sagen die anderen. Wiebke Brauer über das Verhältnis von Tempo, Tacho und Oldtimern

Ich wurde geblitzt. Das erste Mal in meinem Leben. Nein, seien wir ehrlich, es war das zweite Mal, aber das erste war mit dem Ford Taunus 17M P3, also ein Versehen. Ich bekam nie Post und war eine Spur enttäuscht.
Aber diesmal durchflutete mich der Stolz, weil ich mit dem schwarzen Geschoss geshootet wurde. Schließlich habe ich mir den SL gekauft, um einmal in meinem Leben einen Golf zu verheizen. Ein rührendes Unterfangen, ich gebe es zu.
Schon mein Werkstatt-Mann – seines Zeichens polymorpher Misanthrop und kurz schwarzer Schlumpf genannt – hatte mich nach dem Kauf vorgewarnt, dass der SL keine Rakete sei. „Willst Du Dir nichtmaln schnelles Auto schlumpfen? Da istjan Smart schlumpfiger.“ Ich war pikiert. „Der Smart, lieber schwarzer Schlumpf“, entgegnete ich, „ist gar kein Auto. Und ich habe jetzt 209 PS.“ Der schwarze Schlumpf schlumpfte kurz und hämisch und schlumpfte sich wieder unter eine Pagode, die bei ihm zur Reparatur stand. Beleidigt zog ich von dannen und versuchte seitdem, zu schnell zu fahren.
Kein einfaches Unterfangen, denn ich schwanke zwischen zwei mobilen Philosophien. Die eine besagt, dass der wirklich coole Oldtimerfahrer keine Geschwindigkeit braucht. Er ist über jedes Tempo erhaben. Geschwindigkeit ist seiner Meinung nach etwas für hektische und charakterlose Personen, die hektische und charakterlose Autos fahren. Der, ich nenne ihn mal Cruiser, ist so lässig, dass er immer nur von A nach B gleitet, während der laue Fahrtwind zärtlich in seinem Haar spielt, derweil er sein wunderschön schimmerndes Fahrzeug mit seinem manikürtem Zeigefinger lenkt. Das ist eine wunderbare Idee, ich versuche mich auch immer wieder darin, nur leider habe ich dafür zuviel Blei im Blut. Und manchmal fängt es an zu blubbern.
Erst sacht. Doch dann immer unüberhörbarer, bis die Bleiblasen an der Oberfläche meiner Großhirnrinde platzen. Und damit bricht sich die zweite Philosophie in mir Bahn. Und die heißt: „ Speeeeeeeeeeeeeeeeeeed! Porno! Gas geben! Jagen! V8! Fliegen in den Zähnen, Asphaltflirren, die Nadel zittert, das Blut rauscht im Ohr, die Fußgänger spritzen zur Seite, die Farben verschwimmen, nichts wie weg, die Pferdestärken pulsen im Hirn!“
Oder so ähnlich.
Einen Golf habe ich natürlich immer noch nicht verheizt, denn der SL ist wirklich keine Rakete. Von dem einen Mal abgesehen, als die Ampel auf grün sprang und die Frau in dem Golf neben mir gerade bis zur Taille in ihrer Handtasche steckte.
Deswegen war ich unsagbar stolz, als jetzt der Bußgeldbescheid kam. Ich öffnete den Umschlag und hub an zu lesen. „Sie werden beschuldigt, in…“ „Ja! Schuldig! Ich bekenne!“ rief ich entzückt aus. Dann las ich weiter.
Ich war elf Kilometer zu schnell in einer 30er-Zone gefahren. Die Höhe des Bußgeldes betrug satte 15 Euro.
„Haste gedacht, fette Schnecke“, sagte ich laut zu mir. „Aus dir wird nie ein Rocker.“ Das wohl nicht. Aber der nächste Wagen ist ein Porsche, das habe ich mir geschlumpft.

Autor: Wiebke Brauer