Schwer-Metall

Schwer-Metall

Früher war alles besser. Und aus Chrom. Mann hatte was zu tun. Und das Auto war noch ein ehrlicher Feind.

Früher war alles besser. Und aus Chrom. Mann hatte was zu tun. Und das Auto war noch ein ehrlicher Feind.

Kühlergrill. Radkappe. Stoßstange. Zierleiste. Allesamt Begriffe aus der Mottenkiste. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie selten diese Dinge geworden sind? Zumindest am Auto von heute. Das wird zwar immer schwerer, aber nicht etwa durch den Einsatz von Hardware im Sinne der 60er oder 70er Jahre. Nein, die 80er haben’s versaut! Da fing’s an. Keine Zierrat mehr auf der Wagenflanke, hinter dem es sich der Dreck bequem machen konnte, um irgendwann Vetter Rost anzurufen, er möge doch mal auf ein Bläschen vorbei schauen. Dort, wo einst grimmige Stoßstangenhörner ragten, nur noch verweichlicht einknautschende Formteile. Ästhetisch geschwungene Radkappen mit stolz eingeprägten Markensymbolen – yesterday’s News. Zähnefletschende Chromgrills? Fehlanzeige. Schmallippige Einlässe, durch die der Fahrtwind achtlos hindurchströmt und sich schnell wieder verflüchtigt – wer möchte schon solch ungrazilen Kram mehrmals umschmeicheln? Nee, bloß weg hier. Ach, wat war dat schön damals. Um die um sich greifende Arbeitszeitverkürzung auszugleichen, boten die Hersteller in einem Großangriff immer mehr Pflegemittel für des Deutschen liebstes Kind an. Denn irgendwie musste die viele Freizeit ja nun sinnvoll genutzt werden. So verrieben zu Spitzenzeiten insgesamt 23 Millionen Westdeutsche innerhalb von einem Jahr 147.375 Kilogramm Chrompaste auf den entsprechenden Bauteilen ihrer Autos und verbrauchten in diesem Zusammenhang rund 40.000 Quadratmeter ausgediente Pyjamas. Ungezählt blieb seinerzeit leider die Anzahl verkaufter Schleifpapierbögen und Blechtafeln. Nur die Literzahl von im Zubehör gekauften Autolacks ist überliefert: 296.000 Liter rotierten in den Mischanlagen der Anbieter.

Tja. Und heute? Da kann man froh sein, wenn wenigstens die Befestigungsschrauben der Vollplaste-Kühlermaske noch rosten. So hat man wenigstens etwas zu tun als ambitionierter Do-it-yourself-Mann. Noch so ein Ausdruck aus den seligen Siebzigern. Sie merken schon: Früher war alles besser. Und aus Chrom. Was da alles verloren gegangen ist. Ein kompletter Markt wurde zugunsten des Käufers geopfert! Keine Rostentferner mehr. Kein Spachtel. Kein Spengler-Werkzeug. Keine Bremsleitungen mehr zum Selberbördeln. Blechschere? Schweißdraht? Vergessen Sie’s! Wie konnte die Autoindustrie nur so kurzsichtig sein und derartige Rundum-Sorglos-Produkte wie einen Golf IV erfinden? Gott sei Dank ist die schwärzeste aller Prophezeiungen nicht eingetreten: Dass sich aufgrund des um sich greifenden Leichtbaus das Leistungsgewicht und die satte Straßenlage der Autos verschlechtere. Klimaanlagen, Airbags, elektrische Fensterheber, elektrische Sitze mit Memoryfunktion, Steuergeräte, Katalysatoren, Partikelfilter, 80 Kilo schwere Kabelbäume und anderes wiegen den Einsatz von Kunststoff und Aluminium wieder auf. Wussten Sie beispielsweise, dass der Kotflügel des VW Phaeton aus 16 (!) verschiedenen Kunststoffarten besteht?

Ich gebe es zu: Aus Konsumentensicht sind die heutigen Autos tatsächlich entspannender. Neulich habe ich, während ich auf meinen Wagen wartete, in der Kundenannahme meiner Werkstatt Kaffee getrunken und dabei den SPIEGEL gelesen. Es wurden sieben Tassen Kaffee und zweieinhalb Ausgaben des Magazins, bevor man mir sagte, jetzt komme der Wagen gleich, ich könne schon einmal bezahlen. Ich streckte meine vom Herumsitzen verkrampften Glieder (so fühlten die sich früher auch immer an, wenn ich meinen Wagen bei Minus 17 Grad selbst repariert hatte) und nahm die Rechnung. In der linken Leuchteinheit (früher Scheinwerfer genannt) war eine der Gasentladungslampen kaputt gegangen. Um diese tauschen zu können, mussten Batterie, Verkleidung, Traverse und das Innenteil des Stoßfängers demontiert werden. Die Leuchteinheit musste dann leider komplett getauscht werden – ist halt ein hermetisch verschlossenes Hightech-Ding. Inklusive Zusammenbau musste ich nur 631,70 Euro zahlen. Okay, eine H4-Birne für ein älteres Modell hätte zwar nur 15,48 Euro gekostet – aber der entfallene Aufwand! Haube auf, Stecker ab, Birne tauschen, Stecker drauf, Haube zu – wie leicht da was passieren kann, wenn man ungeübt ist. Als neulich das Automatikgetriebe in der E-Klasse meines Nachbarn zickte, haben die in der Niederlassung einfach eine neue Software aufgespielt – und das gute Stück lief wieder! Bezahlt hat mein Nachbar dann ganz bequem mit Karte, er hatte nicht so viel Bargeld dabei. Bei so viel Qualität wird das noch mal ein schlimmes Ende nehmen mit den Herstellern. Irgendwann wird der Staat eingreifen müssen. Und die Konzerne dazu verdonnern, die Autos nach einigen Jahren zurückzunehmen. Oder wieder mehr Chrom zu verbauen. Und weniger Dinol.

Dinol! Ach!

Dieser Artikel erschien am 15.12.2008