Sachsen Classic I – Eine stürmische Begegnung

Sachsen Classic I – Eine stürmische Begegnung


Zwischen Sachsen und Sao Paulo

Sie ist heiß, schnell und mit ihren Reizen zog sie das Carsablanca-Team in ihren Bann: Der VW SP2 erwies sich auf der Sachsen Classic Rallye als echte Offenbarung: Gasolina, meine flüchtige Bekanntschaft.

Die weite Landschaft des Zwickauer Umlands spiegelt sich in geschwungener Flanke, hinter Dir boxen vier luftgekühlte Zylinder gegen Berg und Tal an, und plötzlich sind sich Sachsen und Sao Paulo ganz nah. Mit 4.000 Touren erobert der VW SP 2 von 1973 Kuppe um Kuppe. Er ist einer von nur 10.000 gebauten Exemplaren jenes wirklich atemberaubend gezeichneten Coupés, das nie nach Europa durfte. Jedenfalls nicht offiziell. Heute präsentiert ihn Volkswagen bereitwillig und stolz, die Zeiten, in denen ihm aus marktstrategischen Gründen die Einreise nach Deutschland verwehrt wurde, sind längst vorbei. Gemeinsam mit seinen betagten Konzernbrüdern füllt der SP 2 die Sachsen Classic mit Leben, und höchstens die volksnahen VW T1-Busse stehlen ihm ein wenig die Schau. Dafür steht in Crimmitschau die komplette Belegschaft eines VW-Autohauses am Wegesrand, die nicht nur, aber besonders die VW-Veteranen stürmisch begrüßt, die Marktplätze sind gefüllt mit klatschendem Publikum, Kinder schwenken Papierfahnen. Wir mittendrin. Der SP 2 ist der erste luftgekühlte Volkswagen, den ich ohne Thrombosegefahr besteigen kann: Platz auch für lange Beine ist schier endlos vorhanden. Dafür bereitet der brasilianische Sportler Menschen mit 1,98 Meter Körpergröße – also mir – erhebliche Kopfschmerzen, nämlich beim ersten unvorsichtigen Einsteigen. Haarig im Wortsinn wird das erste Foto der Tour, das meinen Fahrerjob auf der Sachsen Classic dokumentieren soll. Wirklich erkannt werde ich nur bei dieser völlig natürlichen Pose:

Bereits drei Minuten nach dem Start sind wir hoffnungslos verloren. Schon mal Roadbook mit „Chinesenzeichen“ gelesen? Mehr (oder weniger) aufschlussreiche Legenden, geschaffen für ambitionierte Teilnehmer, lassen uns doch eher auf den voraus fahrenden Teilnehmer vertrauen. Und genau das ist unser Fehler. Und weil man ja bekanntlich aus Fehlern lernt, richten wir uns ab jetzt doch stur nach dem Roadbook. Und verfahren uns.

Das ist nur halb so schlimm, denn TheDriver und ich haben ja noch immer diese Brasilianerin in unserer Gesellschaft, die uns aus vier Sport-Zusatzinstrumenten anlächelt. Eines von ihnen nennt sich Gasolina, doch diese Bekanntschaft erweist sich als recht füchtig, denn ein SP 2 hat mitunter Durst wie ein Bergsteiger im Montafon an einem heißen Sommertag. Ihre Schwester Temperatura besitzt da einen deutlich ausgeglicheneren Charakter. Stramm liegt der gestreckte Zweitürer auf der Straße, wer die klassischen Heckmotor-VW der Nordhoff-Ära kennt, kann im Geiste nur den Hut vor Rudolf Leiding ziehen, der den SP 2 dereinst für seine Frau und die übrige Damenwelt aus der Taufe hob – als Chef von VW do Brasil. Der SP 2 ist das Auto, das nicht der Scirocco sein durfte.

Peter Sodann, ehemals Kommissar Ehrlicher aus dem Leipziger Tatort, fährt vorbei. Er sitzt ausnahmsweise heute nicht auf seinem IFA Berlin-Motorroller, sondern winkt aus einem Skoda Felicia. Als gelernter Werkzeugmacher legt er bis heute selbst Hand an an sein Zweirad aus traditionellem sächsischem Fahrzeugbau, dessen Spuren hier allgegenwärtig sind. In Zwickau steht, inmitten der alten, teils sanierten Fabrikationsanlagen, die Privatvilla von August Horch, das angeschlossene Museum ist ausdrücklich besuchenswert.

Auf dem Sachsenring dann geben wir dem SP 2 die Sporen, treiben ihn in den Grenzbereich, laufen die Zielgerade unter Vollast mit gemessenen 178 km/h an. Der SP 2 liegt nicht auf der Piste, er klebt an ihr. Im Käfer bei nur 100 km/h hätten wir längst nach diversen Pirouetten die Bandenwerbung des Rings mit einem neuen Lochmuster versehen. Dass selbst „Strietzel“ Stuck, unser Vorfahrer auf dem SP 2, von diesem Auto begeistert war – mehr als verständlich. Mit Boxerrauschen in Hirn und Ohr fahren wir zum Ziel, zurück nach Zwickau. Als wir ankommen, hat sich Gasolina vollends verflüchtigt. Pablo wird sich ihrer annehmen. Aber das erzählen wir morgen.


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