Retromobile 2008

Retromobile 2008


Messerundgang

Muss man eine Reise nach Paris begründen? Normalerweise nicht - aber Mitte Februar gibts einen besonderen Anlass: die fabelhafte Retromobile. Wir waren dort und empfehlen: Fahren Sie hin!

Die Retromobile hat ein paar schwere Mängel. Man findet überhaupt nichts zu Volkswagen, und von Opel hat dort auch keiner gehört. Immerhin, Porsche und BMW haben kleine aber feine Stände, und Mercedes-Benz zeigt einen wie immer niveauvollen Clubauftritt.

Aber die wirklich großen Dinge dieses Jahr tragen einen Doppelwinkel oder einen brüllenden Löwen: Citroen und Peugeot werfen sich mit eindrucksvollen Ständen sehr ins Zeug. Der Anlass für Citroen: Der 2CV wird 60. So findet man hier wunderschön herausgeputzter Enten in größter Konzentration außerhalb des Frankfurter Palmengartens - darunter ein wundervolles rechtsgelenktes Exemplar von 1953 und natürlich eine perfekt restaurierte Allradente Typ Sahara.

Doch das ist nicht alles: Das einzig verbliebene Exemplar der Baureihe G ist vertreten. Auf den ersten Blick sieht das Auto aus wie ein geschrumpfter Wellblechtransporter vom Typ H. Aber der hat Motor und Antrieb vom Traction Avant - der Typ G aber von der Ente. Das ist für einen kompakten Transporter noch viel genialer, der kleine Boxer steckt unterm Fahrer-Fußraum, das gibt einen ganz flachen, sehr niedrigen Fahrzeugboden. Warum wurde nichts draus? Vielleicht waren 9 PS aus 475 ccm Hubraum für eine Tonne Nutzlast doch nicht ganz adäquat ...

Schöne Autos, ungewöhnliche Marken 

Wer auf der Suche nach Vorkriegsteilen ist, wird reichlich fündig; daneben gibt es Spezialisten für Gordini, Panhard und Alpine. Wie immer zum Staunen sind die Stände von Clubs, die sich Marken widmen, von denen diesseits des Rheins kaum einer weiß: Hotchkiss, Berliet, Deutsch-Bonnet.

Natürlich glänzen und glitzern die unvermeidlichen Hochpreisexponate hinter den üblichen Zutrittsperren - aber daneben stehen auch manche Autos, die sich ihrer Patina kein bisschen schämen: ein Brescia-Bugatti, ein Stanguellini, ein Facel Vega FV mit rissigem, aber vollständigen Thermoplastlack und patinierten Lederpolstern. Ziemlich bemerkenswert auch eine Firma, die klassische Jeeps
enorm aufwendig von Grund auf neu aufbaut - für 30000 Euro erhält man einen unverwüstlichen Oldtimer in Neuzustand.

Hart am Kitsch 

Die Retromobile ist dabei stets auch Ort für Schnickschnack und Kunst am Rand zum Kitsch. Dass es fast unmöglich ist, Automobile in Öl zu malen ohne in schlechten Geschmack abzurutschen, ist nichts Neues. Sehr en vogue sind dieses Jahr couchtischgtaugliche Skulpturen von Autos in zumeist dynamischer Bewegung. Der Connoisseur hat die reiche Auswahl zwischen realen Rennszenen (Neubauer schreit auf Karl Kling im Silberpfeil ein; Moss und Jenkinson im 722 auf dem Weg zum Mille-Sieg, beides in Bronze gegossen), idealtypisch überhöhten Silberpfeilen (in poliertem Ebenholz) und minderbekleideten Damen in sinnbildlichem Dahineilen ...

Von einer seltsamen Melancholie ist ein lebensgroßes Diorama, das einen Bugatti T37 am Haken eines 1942er Peugeot-Abschleppwagens zeigt. Das balanciert zwar auch an der Grenze zum Kitsch, aber der Bugatti strahlt dermaßen im Reichtum seiner intensiv gelebten 80 Jahre, dass man nicht anders kann, als gebannt davorzustehen und sich beim Weitergehen diskret zu schneuzen.

Die Retromobile ist unerlässlich für Besitzer von französischen Exoten. Doch selbst wer keine Kreuzgelenke für seinen Panhard oder Rücklichter für seinen Gordini sucht, wird an dieser Messe viel Vergnügen haben. Gibt es einen besseren Anlass für eine Kurzreise nach Paris?