Retro-Classics 2008 - 5 Sterne für Stuttgart?

Retro-Classics 2008 - 5 Sterne für Stuttgart?


Messebericht

Genau zwei Wochen vor der Techno Classica eine Oldtimermesse zu veranstalten, darf ruhig als Kampfansage gewertet werden. Die Retro Classics in Stuttgart bläst zum Halali auf den Platzhirsch – ist sie auch gut munitioniert? Wir waren vor Ort

Die Retro Classics ist vor allem eins – eine extrem entspannte Veranstaltung. Und das ist in der Regel die absolut gegenteilige Assoziation mit einer Messe. Normal ist: Gedrängel auf den Ständen, Gedrängel in den Gängen und Gedrängel vor der Essensausgabe. Die Retro Classics war: viel Platz auf den Ständen, keine gestressten Menschen in den Gängen und Wartezeiten bei der Verköstigung, die einem nicht gleich den Appetit verdarben.

Noch besser als auf der Bremen Classic vor einigen Wochen ließ es sich in Stuttgart durch die erst dieses Jahr neu bezogenen Messeräumlichkeiten schlendern. Vielleicht lag es daran, dass keiner der Hersteller sich einen pompösen Auftritt geleistet hatte, sondern stattdessen den Clubs das Feld überlassen wurde, bzw. – wie im Fall von Mercedes-Benz – die Clubs kurzerhand für den eigenen Auftritt eingespannt wurden.

Ob das für die großen deutschen Marken eine weise Entscheidung war? Für die Besucher war es das auf jeden Fall. Denn so hatten die Clubs genügend Platz, um ihrer Liebe zum Detail freien Lauf zu lassen.  

So wurde zum Beispiel von der Passatkartei, den Verfassern der Carsablanca-Kaufberatung für den Passat 32B, eigens ein kleines Waldstück inklusive Tannen und federndem Waldboden für die Inszenierung des Passat Syncro aufgebaut. Gleich neben neben dem Syncro stand der Vater aller Spritspar-Autos, der IRVW II von 1980. Ein Forschungsfahrzeug auf Basis des Passat 32B, das kurioserweise noch vor der Premiere seines Basisfahrzeugs der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde.

Das der Passatkartei von VW als Leihgabe gestellte Fahrzeug verfügte bereits 1980 über viele Features, die heute zum Standard gehören: bündig eingeklebte Seitenscheiben sowie verglaste Frontscheinwerfer für möglichst geringen Luftwiderstand, Leerlauf-Abschalt-Automatik etc. Wer wollte, konnte sich von einem der zahlreich anwesenden Passat-Kartei-Mitgliedern sämtliche Funktionen zeigen und erklären lassen – ein toller Service.

Ein paar Meter weiter, auf dem Stand des Capri-RS-Club Nürnberg, konnte man das genaue Gegenteil eines Spritsparwunders betrachten, ach, was sage ich, davor auf die Knie fallen! Ein Perana Capri mit 302 cui Windsor Smallblock V8 im Zustand 2+ – soetwas allein hatte die weite Anreise schon lohnend gemacht.

Und derlei Kleinode gab es einige zu sehen, zum Beispiel den [[Mercedes-Benz]] 280 E, der 1977 die Rallye London-Sidney gewann und in Stuttgart den Stand des AvD zierte.

Oder das Kunstwerk von einem Motor, das in den 70er Jahren die Porsche 917 befeuerte und wie ein Götze auf dem kleinen aber feinen Porsche-Stand aufgebaut war. 600 PS aus 5 Litern und luftgekühlt, zwar verborgen unter unansehnlich gelben GFK-Verkleidungen, aber trotzdem die Mona Lisa für alle Motorenfreaks.
                                                                                                         Wenig Überraschungsmomente boten die in Stuttgart vertretenen Händler. Im Gegenteil, gepflegte und vor allem teure Langeweile, wohin man auch blickte. Von ein paar geleckten Vorkriegsautos abgesehen gab es vorwiegend Klassiker von der Stange – so monochrom war das Angebot, dass man beim Anblick des Aston Martin Lagonda schon fast vor Schreck zusammenzuckte.

Dabei fielen vor allem zwei Modelle besonders ins Auge: Vor ein paar Wochen hatte Till Schauen in seiner Schlachtbank ja die These aufgestellt, der Porsche 911 sei ungefähr so exotisch wie ein paar gestreifte Hosenträger. Davon konnte man sich auf der Retro Classics dann auch noch mal überzeugen – beim Überangebot der dort ausgestellten 911 zum Verkauf war der Anblick eines unverbastelten Kadett C GT/E Coupé mit Original 80.000 Kilometern schlicht Ecstasy für die Augen.

Getoppt wurde die inflationäre Präsenz des 911 nur noch von der des 300SL. praktisch jeder Händler hatte einen, und viele auch mehr davon. Keine Frage, bei Preisschildern von um die 400.000 Euro nachvollziehbar – zumindest für die Händler. Warum es aber so eine große Nachfrage gibt nach einem Auto, das – rein mengenmäßig – im Oldtimerfahrzeugbestand offensichtlich ungefähr den seltenheitswert einer neuen E-Klasse hat, bleibt schleierhaft. Zumal eigentlich alle ausgestellten Exemplare hoffnungslos überrestauriert waren.

Hätte wenigstens einer von ihnen den Mythos des rauhen Rennsports, den diese Autos immer für sich beanspruchen, durch ein wenig echte Patina aufgetragen – in Ordnung, Chapeau. Aber nichts da: Blinkend und schimmernd standen sie da, als wären sie just vom Band gelaufen. 

Eine wirklich angenehme Abwechslung waren da die Jungs von  SLCRACING.eu,  die offensichtlich von Beruf erstmal Söhne sind. Als Nebenerwerbsquelle haben sie sich seit einiger Zeit auf die Umwandlung handelsüblicher Serien-SLCs von Mercedes-Benz spezialisiert. Diese werden im Werk in der Slowakei komplett entkernt und dann zu Rennwagen umgebaut.
                                                                                                    Wahlweise als Rally-, Safari- oder Tourenwagen erhältlich, orientieren sie die Umbauten an tatsächlich von Mercedes-Benz in den späten siebzigern eingesetzten Rennversionen des SLC.

Für rund 120.000 Euro kann man dann den Schlüssel zu einem originalgetreu nachgebauten Stück Motorsportgeschichte in die Hand nehmen, das, sollte jemand fragen, auch nicht mehr oder weniger original ist als ein bis auf die letzte Hutmutter überrestaurierter 300SL – dafür aber garantiert aufregender.

Aber sei's drum, manche Menschen wollen sich ja gar nicht aufregen lassen. Sondern sich vor allem entspannen mit ihrem Oldtimer. Und dafür haben wir volles Verständnis – in Stuttgart war es so entspannt, dass wir auch fast einen 300SL gekauft hätten.