Repliken - ja bitte!

Repliken - ja bitte!

Um Gottes Willen. Da traut sich tatsächlich einer mit einem Pseudobugatti aufs Treffen. Was will der denn mit diesem Schandfleck unter echten Oldtimern? Muss der Mann sein geschrumpftes Selbstwertgefühl auf so geschmacklose Art herumzeigen? Wenn man kein Geld für das Original hat, sollte man’s besser lassen …

Soll man?

Der Bugatti T35 ist eine Oldtimer-Ikone, eins der wundervollsten Autos der Geschichte. Selbst wer wenig über die außergewöhnlichen Qualitäten dieses Bugatti weiß, der erkennt darin einen prototypischen Oldtimer: freistehende Räder, lange schmale Haube, Bootsheck. Bugatti baute rund 340 Stück davon. Wenn mal einer in den freien Verkauf kommt, muss man selbst für ein Restaurierungsobjekt einen sechsstelligen Betrag hinlegen.

Was bleibt einem also, wenn man sein Herz an dieses Auto verloren hat? Oder an ein anderes, das ähnlich unerreichbar ist: Wenn einem daheim die Wände voller Bilder vom Lamborghini Countach, Mercedes SSK, Porsche 550 Spyder oder Blower-Bentley hängen, der Geldbeutel aber nur einen Fiat 850 oder Karmann-Ghia erlaubt  - was kann man da tun?

Man begibt sich in die wundersame Welt der Repliken. Kaum zu vermuten, wie viele Autos im Verlauf der letzten 50 Jahre Nachbauten inspiriert haben; erstaunlich wie gut gelungen manche sind. Oder wie total in die Hose gegangen.
Unterhaltsam sind Repliken fast immer, aber eben auf eine ganz andere Art als ihre Vorlagen. Lustig ist zum Beispiel eine Kurbellenker-Vorderachse unter einem Bugatti-Hufeisengrill. Das ist lupenreiner VW Käfer. Und wenn der Besitzer das Auto anlässt, räuspert sich kein Reihenachtzylinder unter der langen Haube, sondern ein Vierzylinder-Boxer orgelt unter dem Bootsheck hervor. Weil der Motorraum bis unter die Sitzbank reicht, sitzt der Fahrer viel zu hoch, ein bisschen wie Donald Duck in seinem 313.

Das ist so lustig, dass man dem Auto nicht böse sein kann. Außerdem sind manche Repliken inzwischen zertifizierte Oldtimer. Den Kurbellenker-Bugatti zum Beispiel konnte man sich schon Ende der Sechziger von verschiedenen Anbietern als Bausatz bestellen.

Es soll Spaß machen (über Geschmack sprechen wir ein andermal) 

Was spricht dagegen, aus Teilen eines abgewrackten Porsche 356 einen 550 Spyder zu bauen und sich dann sonntagnachmittags zu fühlen wie James Dean? Wenn man dazu in den USA eine GFK-Karosserie bestellt – na und? Das ist nichts Böses, solange man nicht behauptet, es sei ein Original. 

Besitzer von Repliken wollen im Allgemeinen niemanden übertölpeln, ausgenommen sich selbst. Und hin und wieder auch die eigenen Geschmacksnerven. Natürlich zeugt es von einem eigenwilligen Stilempfinden, die Öffentlichkeit mit einem Plastik-Countach mit Ford-V6 zu beglücken, oder einem Ferarri 308 GTB, dessen Innenraum nicht feinstes italienisches Leder ziert sondern das fade Plastikinterieur des Pontiac Fiero. Doch das muss doch jeder mit sich selbst ausmachen.

Ein Oldtimer ist eine Spaß-Angelegenheit – und wo der Spaß beginnt, darf jeder für sich selbst bestimmen. Wenn sich einer hinstellt und über den Kurbellenker-Bugatti in Zornesschaum gerät, anderntags aber von der wiedererrichteten Dresdner Frauenkirche schwärmt, sollte er gelegentlich seine Maßstäbe prüfen. Die Frauenkirche ist ein Nachbau unter Verwendung eines geringen Anteils originaler Teile und originaler Methoden, ergänzt durch viel neuzeitliche Technik, um ein optisch und funktional ans Vorbild angelehntes Objekt zu erzeugen. Die Frauenkirche ist eine klassische Replik.

Wem der originale Trümmerhaufen lieber war als ein Orgelkonzert im nachgemachten Altarraum, der möge jetzt sprechen oder für immer schweigen beim Anblick einer Replika.

Autor: Till Schauen