Recht und billig

Recht und billig

Wiebke Brauer freut sich. Vom 5. bis zum 8. Mai findet die Tuning World am Bodensee statt – und in diesem Zuge wird auch wieder die Miss Tuning gekürt. Nichts liegt näher, als sich auf’s Neue über die automobil verbrämte Mops-Wahl aufzuregen. Oder?

Kristin Zippel ist die amtierende Miss Tuning 2010. Zumindest noch bis zum 5. Mai, dann wird die nächste Kandidatin geadelt. Und Kristin Zippel wehrt sich dagegen, als Miss Tuning zum Objekt der Begierde degradiert zu werden. Zitat Zippel: „Die Leute, die so was behaupten, haben doch keine Ahnung, was dieser Titel eigentlich bedeutet. Miss Tuning ist alles andere als ein Boxenluder.“ Außerdem gibt sie zu Protokoll, die Posen und das ganze Ambiente seien „immer edel und nie billig“ gewesen. Zippel will die Zeit als Miss Tuning nicht missen und kann den Job wärmstens weiterempfehlen. Nun sind Frauen gehässige Geschöpfe. So konnte ich es mir nicht verkneifen, mal wieder einen Blick auf die Bewerberinnen zur Miss Tuning zu werfen: Da haben wir in diesem Jahr zum Beispiel die 23-Jährige „Like_or_Love“ aus 40723 Hilden, die sich für das Foto eine Schluppe unter den Arm geklemmt hat und als Job „Saunawedlerin“ angibt. Als Hobby gibt sie Tanzen an, seit März besitzt sie auch eine eigene Stange. Glückwunsch. Als ihr Lebensmotto benennt sie: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unscheinbar“. Wobei ich mich beim Betrachten ihrer Fotos frage, wie einem da Wesentliches entgehen kann. Zumindest trägt sie Unterwäsche, während sich das Gros ihrer Mitbewerberinnen in Bindfäden einwickelte, von der Sorte, mit der ich neulich eine Lammkeule verschnürte. Wenig überraschend: Die Mädels im Kordel-Look sahnen allesamt mehr Punkte ab als unsere Bewerberin aus Hilden. Sie bekam die Durchschnittsnote 5+, laut Skala nicht mehr „Mittel“, sondern schon „Flop“. Aber hey, das ist nur recht und billig! Schließlich wird bei der Wahl zur Miss Tuning nicht die Lauflänge der Baumwolle bewertet, sondern das Verhältnis zwischen Haut, Ruch und Polyester.

Es lässt sich einwenden, dass es immer einfach sei, sich über seine ambitionierten Geschlechtsgenossinnen lustig zu machen. Natürlich stimmt das. Nichts ist komischer für eine Frau als eine andere Frau, die zum Einkaufen der Cola-Light-Kästen wahrscheinlich einen Chevy Matiz fährt und bei dem Begriff „20-Zoll“ an Grenzkontrollen denkt, sich aber aus Karrieregründen als Rollbraten auf einen Toyota Supra legt und dabei den Zeigefinger in den geöffneten Mund steckt. Na ja, vielleicht noch eine Frau, die sich ohne Schlüpper auf einem Schlüter Super 650 V räkelt, um als Miss Januar im Landmaschinenkalender ganz groß raus zu kommen.

Aber über wen kann man sich heutzutage noch rechtschaffen aufregen? Die überholte Alice Schwarzer? Oder die etwas anders überholte Daniela Katzenberger? Hat nicht irgendwie alles und jeder seine Berechtigung, und verkommt das Leben nicht im postpostfeministischen Konsensbrei? Das haben wir nun von der Gleichberechtigung: Flops, die sich ausziehen, weil sie es voll selbst entschieden haben. Aber wie langweilig wäre das Leben ohne diese Miezen, über die man sich ereifern kann. Ein bisschen Feind muss sein. Und nein, ich sage jetzt nicht laut, auf was sich „Zippel“ reimt.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 26.04.2011