Raid ahead! – Mit dem K 70 über die Alpen

Raid ahead! – Mit dem K 70 über die Alpen


Hohe Berge

Mit dem Zweiten fährt man besser. Zumindest bei 6.200 Touren. Den Innocenti Mini Cooper hast Du bereits wieder in die Tasche gesteckt, nach der achten Passkehre fährt auch der Jaguar MK II an die Seite, um deinen stahlblauen Blitz aus Wolfsburg vorbei zu winken. Und das alles mit 90 PS aus 1.6 Liter Hubraum. Und Spikes, wir geben es zu.

Da rast zusammen, was so nicht zusammen gehört: Mühsame Anstiege, enge Kehren, ein Feld leistungsstarker Sportwagen – und Du. Im VW K 70.

Zwölf Pässe zwischen Alpen und Dolomiten, durch Orte mit klangvollen Namen wie Davos. St. Moritz, Lenzerheide. Die meisten Menschen fahren hier Ski. Wir Youngtimer. Das macht Spaß. Inflationär sind Neunelfer aus Zuffenhausen am Start, das wird schon fast langweilig. Ein 911-Eigner erkundigt sich gnädig nach dem K 70. Er komme aus der Großindustrie, „unser Gärtner fuhr mal so einen VW". Ja, den 911ern können wir nicht Paroli bieten. Dafür ist der Käfer zuständig, 1302 mit zeitgenössischem Theo Decker- und Kummetat-Tuning. Macht 135 PS bei knapp 800 Kilo Gesamtgewicht. Grins.

K 70: Einst im mondänen Port Grimaud präsentiert, nunmehr im Museum. Das heißt: Eigentlich nicht im Museum, zumindest nicht nur, denn die neu gegründete Volkswagen Classic scheucht ihre Lieblinge regelmäßig und unbarmherzig hinaus ins tobende Leben der Klassikerszene. Also werden wir nachdrücklich ermuntert, dem K 70 aus ehemaliger Lehrerhand zeitweilig auch etwas Leistung abzuforden. Das geht. Erstaunlich gut.

Wer täglich im Büro hockt und in den trüben Nieselregen hinausstarrt, der weiß solch einen Ausflug zu schätzen. Knallige Sonne lässt den Schnee beinahe explodieren, der sich hart gegen den immerblauen Himmel abzeichnet. Harte Kontraste. Und dann die Sonnenbrille vergessen. Es geht trotzdem. Und immer besser.

Anders als viele Oldtimer-Veranstaltungen fordert die Winter-Raid Fahrer und Fahrzeuge. Dies schon allein durch die geographischen Umstände: Kälte, Glatteis, Spurts hinauf auf die Pässe, Bremsorgien hinab ins Tal, Serpentinen, enge Brücken, Eis-Slalom, Schnee-Parcours. Das kann schnell zur Materialschlacht werden. In drei Tagen bezwingen die Old- und Youngtimer aus dem Feld (das älteste Fahrzeug von 1911) 900 Kilometer Strecke, darunter zwölf Pässe. Berninapass, Julierpass, Malojapass, Reschenpass – das geht husch-husch!, auch, wenn die Tage lang werden. Ermüdet straucheln Mensch und Material am Ende eines Tages in die Box, die bei Antritt hochglanzpolierten Autos sind längst gezeichnet vom harten Einsatz.

Das Tolle daran: Es geht halt auch anders, als bei Schönwetter durch Sachsen mit gemächlichen 80 km/h. Die 80 km/h fuhren auch wir oft während der Winter-Raid, allerdings, wir erwähnten es bereits, bergauf im Zweiten. Da schubbern die weichen Winterreifen zur Seite wie ein halb aufgeblasener Schwimmbad-Delphin, und nur die blitzenden Spikes-Nägel scheinen sich noch in den Asphalt krallend gegen das heftige Schieben des K 70 über seine Vorderräder zu wehren. Egal. Ran, dran, vorbei und ab.

Ab dem zweiten Tag lacht keiner mehr über den viertürigen Biedermann im eckigen Blechkleid. Zwar ist der K 70 in der Ebene hoffnungslos den Flavias, Fulvias, Commodores, 124 Sport Coupés und SLC’s unterlegen, doch reicht der beherzte Gebrauch neuer Bremsen für „spurtive“ Abfahrten, das Vertrauen in das vom Ro 80 übernommene, fantastische Fahrwerk des K 70 für enge Spitzkehren bei maximalen Lenkeinschlag. Wer möchte als nächster?

Die Winter Raid ist noch recht unbekannt. Das ist gleichermaßen schön wie bedauerlich. Ersteres, weil man so das Gefühl hat, noch an einer kleinen, feinen Veranstaltung ohne große Marketing-Überfrachtung teilzunehmen, bei der es vor allem um eines geht: ums Fahren. Bedauerlich ist es, weil eigentlich so viel Teilnehmer wie möglich sich diesem alpinen Genuss hingeben sollten. Aber das kann man ja auch so haben. Wer kommt nächstes Wochenende mit in die Schweiz, gegen einen K 70 antreten?

Den VW K 70 im Schnee gab's übrigens öfter zu sehen – vor etwa 30 Jahren war er wohl ein ganz normaler Gebrauchtwagen. Das jedenfalls zeigen uns Filme wie dieser – ab der 90. Sekunde wird es spannend! 

Spannend wird es auch nächstes Jahr. Wenn wir wieder den Bock zum Gärtner machen. Pardon, Herr Großindustrieller. 

Fotos: Frank Ratering / Knut Simon