Qualen aus Zahlen

Qualen aus Zahlen

Endlich ist es raus – unser Leben wird durch Zahlen bestimmt! Alle wollen die sieben und fürchten die dreizehn. Oder anders gesagt: Wiebke Brauer musste zur Zulassungsstelle und dort numerische Entscheidungen treffen.

Nehme ich die 28? Oder doch lieber die 42? Schließlich ist die 42 die Antwort auf alle Fragen. Nein, die 42 ist aus. War klar.
Ich sitze in der Zulassungsstelle, vor mir thront eine gut genährte Frau mit opelkadettrot gefärbten Haaren. Hinter ihr hängt ein Hundewelpen-Poster und ein Blatt mit Kinderkritzeleien, darauf lese ich ein gekrakeltes „Alles gute zum geburstag libe Tante Janette“. Und nun hat Janette mir die alles entscheidende Frage gestellt. Sie lautet: „Waswollnsedenn?“
Sie dreht mir ihren Bildschirm hin, so dass ich nicht nur den Aufkleber „Wir sind hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht“ lesen kann, sondern auch auf eine Kolonne von Buchstaben- und Zahlen schaue. Aus dieser Reihe muss ich mein neues Kennzeichen wählen. Dummerweise habe ich nämlich nicht daran gedacht, mein altes Nummernschild zu reservieren, als ich den Wagen abgemeldet habe. Schon muss ich dreißig Euro für ein neues Blechschild ausgeben – und vorher droht die Qual der Zahl. Mit Buchstaben kenne ich mich zumindest aus, aber Zahlen? Schwierig. Und das Thema „Wunschkennzeichen“ habe ich in meinem Leben ausgeblendet, weil es nach Mehrkosten klang, und nach Spacko-Kennzeichen wie „SE-X 666“ und PI-MP 123“.
„Irgendwas mit sieben und möglichst kurz“ hatte ich mir zuvor auserbeten. Aber die libe Tante kennt kein Erbarmen: „Sie bekommen zwei Buchstaben und drei Zahlen. Wie jeder andere auch.“
Drei Zahlen, was heißt hier drei Zahlen! Das ist wichtig, das ist lebensentscheidend! Ich bin ein Anhänger der Theorie, dass unser Leben von unseren Telefonnummern bestimmt wird! Und was heißt hier Verschwörungstheorie? Es sind sogar Filme über die Zahl 23 gedreht worden! Und allein die Geschichte von 911, der Wagen, der Notruf, die Türme. Was da alles mitschwingt! Und was ist mit 90/60/90? Die Ziffern verfolgen mich schon seit Jahren! Das ist keine 08/15-Entscheidung, die man in nullkommanix trifft, das muss 100-prozentig sitzen!
Mein Leben in Zahlen zieht in Zeitraffer an mir vorbei, die Carrera-Bahn mit 5, die 6 in Mathe, die R60, der 123er – und ich versuche, Janette hinzuhalten. „Ist ja nicht ganz einfach, so eine Entscheidung, nicht?“ Zulassungs-Janette wubbst nur kurz die fleischigen Schultern. „Ne, ist richtig. Und wassissnu?“ Ich gebe auf. „Suchen Sie sich eine aus.“ Janette hat gewonnen, ich lege mein Leben in ihre Hände.
Vielleicht kaufe ich mir auch bald ein Hundeposter. Das beruhigt bestimmt.