Oldtimer Kunst: Kunst, Wunst, Tunst und der SL

Oldtimer Kunst: Kunst, Wunst, Tunst und der SL

Kunst und alte Autos – verträgt sich das? Ist ein Oldtimer schon ein Denkmal in sich? Und was darf automobile Kunst? Wiebke Brauer über Bananenkrummbiegemaschinen, einen Mercedes SL und tote Kälber.

Mein Bruder erklärte mir einst: „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen. Sonst hieße es Wunst.“ Das fand ich durchaus einleuchtend. Wobei man vielleicht hinzufügen sollte, dass ich auch seine Ausführung einleuchtend fand, dass im Hamburger Hafen eine Bananenkrummbiegemaschine stünde… Ja, ich war jung und brauchte Erklärungen. Zudem muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen, dass ich ihm die Geschichte, dass man Fischstäbchen aus rechteckigen Klotzfischen macht, nicht glaubte. Gut, da war ich etwa 31.

Aber kehren wir zum Thema Kunst zurück. Eine schwierige Sache, weil man natürlich nicht zu den Menschen gehören möchte, die vor einem Klecks-Bild von Jackson Pollock stehen, sich den Kopf kratzen, unverhohlen in den Ärmel ihres bahama-beigen Anoraks gähnen und dann sagen: „Kann ich auch“. Hach, wie engstirnig. Und in Bezug auf Wollen und Können: Hat nicht Goethe geschrieben: „Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun“? Hat er. Kunst, Wunst und Tunst. So, damit wäre die Kunst an sich gerechtfertigt, mein Bruder sowieso, kommen wir zum boshaften Teil:

Gestern flatterte ein Bild über meinen Schreibtisch, das eine Kunstinstallation mit einem Mercedes SL zeigte, 107er Baureihe. Grandioser Wagen, ein Klassiker und ein Kunstwerk an sich. Wunderbar streitbare Farbe. Saharagelb, wenn ich mich nicht täusche. Und was haben die Künstler damit gemacht? Der Wagen schwimmt auf einer hellblauen Styropor-Welle, davor zwei Figuren mit abben Beinen, Schnurri, Sonnenbrillen, die gelben Nasen passend zum Autolack, eine 80er-Persiflage ist zu erahnen. Dahinter noch eine weibliche Figur, daneben eine Palme. Was soll das Ganze? Ein Abitur-Streich? Fast. Es handelt sich um eine Kooperation von Mercedes-Benz mit dem Antwerpener ModeMuseum MoMu, der SL ist ein Exponat der Ausstellung „Recollection Quartett“. Weiter heißt es im Pressetext: „In der Malwerkstatt des ehemaligen Bühnenservice der Deutschen Opern in Berlin-Mitte inszeniert der belgische Künstler und Fotograf Frederik Heyman gemeinsam mit den Modedesignern Mikio Sakabe, Bernhard Willhelm, Henrik Vibskov und Peter Pilotto vier Youngtimer von Mercedes-Benz, die das Straßenbild und den Alltag der 70er, 80er und frühen 90er Jahre geprägt haben.“ In einem kleinen Einspielfilm im Internet kann man die Künstler begutachten, Modedesigner Bernhard Wilhelm sagt zum Schluss über das Werk: „Don’t call it Postmoderne.“ Offenbar amüsiert er sich gut.

Das wäre jetzt der Moment, um etwas Abscheuliches zu sagen, ein bisschen abwertend bis arrogant gelangweilt. Man könnte ein bis zwei Augenbrauen hochziehen und darüber sinnieren, warum die durchaus renommierten Jungs den Wagen nicht einfach in Formaldehyd eingelegt haben. Ja, das machte schon der britische Künstler Damien Hirst mit Kälbern und Haien. Sehr erfolgreich im Übrigen, sein eingelegtes Kalb „The Golden Calf“ brachte bei einer Versteigerung 13 Millionen Euro. Sollte sich übrigens keiner entgehen lassen, wenn mal eine Ausstellung mit seinen Werken vorbeikommt. Die eingelegten Viecher sind nicht so interessant, aber die zahlreichen Aufpasserinnen neben den Hirstschen Glaskästen sind den Besuch im Museum in jedem Fall wert.

Man könnte auch darüber nachdenken, warum das Fahrzeug nicht einfach mit Erde gefüllt und mit frischen Blumen und Gräsern bepflanzt wurde. So ein Objekt stand mal in meiner Stadt herum, sehr hübsch anzusehen.

Oder man freut sich darüber, dass die Herren von Mercedes offenbar gesagt haben: „Ihr könnt alles machen, ihr bekommt viel Geld, ist uns egal, wie hässlich und belanglos der Blödsinn wird. Aber der Wagen darf nicht beschädigt werden. Der ist Kunst.“

Tja, wie immer liegt alles im Auge des Betrachters. Dann könnte man mit den Achseln zucken und sich wieder seinem Tagwerk widmen.

Die Ausstellung „RECOLLECTION QUARTETT“ wird am 18. Januar 2011 mit einer Vernissage eröffnet und ist vom 19. bis 23. Januar 2011 täglich von 12 bis 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen zur Ausstellung sind im Internet unter www.recollection-quartett.com verfügbar.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 17.01.2011