Oldtimer Frühling: „Veronika, der Benz ist da“

Oldtimer Frühling: „Veronika, der Benz ist da“

Es ist Frühling! Die Hormone sprühen, Benzin perlt, Metall und Mädchenaugen glitzern um die Wette. Wiebke Brauer freut sich unkritisch wie leutselig über die schönste Jahreszeit – und bekommt sich nur schwer wieder ein.

Oldtimer im Frühling - Die Motoren röhren durch die Stadt- ein warmer Wind weht durch offene Seitenfenster, die Gedanken bleiben an kurzen Kleidern hängen. Hasch mich, ich fahre Sebring. Männer breiten ihr prächtiges Gefährt auf der Straße aus, um die Damenwelt zu beeindrucken, sie hupen, glucksen und geben Gas. Junghengste wedeln mit Autoschlüsseln und Fahrertüren, Beat pumpt durch die Einfallsstraßen, Oktan blubbert, Bartstoppeln sprießen, Blitzer schießen, Drehzahlmesser schlagen aus. Testosteron und Treibstoff erfüllen die lauen Lüfte der großen und kleinen Städte.

Die Frauen fahren sich mit den Fingern unablässig durch das kaskadierende Deckhaar und tupfen sich in beobachteten Momenten „Juicy Pink“ auf die geschürzten Lippen. Mädchen kichern in fledermausartigen Tonlagen und lassen ihre Wimpern wie Schmetterlingsflügel schlagen.

Yeah, Frühlingserwachen, die beste Zeit für den Verkehrsteilnehmer. Youngtimer werden geherzt und aufpoliert, Oldtimer aus dem Winterschlaf geweckt, abgestaubt, aufgerüstet und wieder auf den Asphalt gelassen. Veronika, der Benz ist da. Sportwagen dürfen getunt, verzollt und verbastelt werden, Verfechter des Originals zucken erschreckt zusammen und wedeln sich pikiert mit ihrem H-Kennzeichen kühle Luft zu. Cabrioverdecke werden gerafft, Fenster versenkt, an rosenroten Ampeln verhakeln sich Blicke ineinander, man späht von Touran zu Torino, von Lexus zum Laster und vom Bentley zum Bitter.

Wer die Stadt hinter sich lässt, tritt das Pedal bis auf den Boden durch. Hemmungslos und mit Begeisterung überzieht Unkraut die Felder, ein frisches sciroccogrün benetzt die Bäume, porschelila blühen die Krokusse, alpinweiß und käfergelb. Keine Zeit mehr für Katastrophen, für Fußheizungen, Winterreifen, Umsicht, klamme Finger und Eiskratzer. Schnee und Kälte? Alles vorbei und vergessen, als sei das Thermometer niemals unter fünfzehn Grad gefallen. Deutschland, ein Wintermärchen? Alles Schnee von gestern.

Der Autolack spiegelt viele kleine Sonnen wieder, Reflexe ziehen träge über den Chrom. Es duftet. Nach erhitzten Motorhauben, auf die man die Hand legt. Glühendes Metall kühlt ab und knackt leise vor sich hin. Es riecht nach Benzin, nach lauem Motoröl und tanzenden Staubpartikeln, die in der Hitze verglühen. Die Straße dünstet Asphaltwärme aus, eine Ahnung von Teer und Trieben und Gummi. So riecht der Frühling. Es kann losgehen. Die Saison ist eröffnet – für jeden.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 28.03.2011