Nimm meinen. Nein, doch nicht!

Nimm meinen. Nein, doch nicht!

Mit dem Ausleihen des Odltimers ist es so eine Sache. Eigentlich würde man ja schon – nein, man würde nicht. Wiebke Brauer über das Dilemma mit der Großzügigkeit.

Frauen und Autos verleiht man nicht. Das wusste ich in dem Moment, als ich mir die Wiking-Autos meines Bruders borgte und ausprobierte, was für ein Geräusch sie machen, wenn man sie im Treppenhaus fallen lässt. Wir wohnten übrigens im vierten Stock. Und das Geräusch ist sehr leise. Dafür war mein Bruders eher laut, als er es herausfand. Ähnliche Erfahrungen in Sachen Eigentum und Diebstahl sammelte ich in Bezug auf seine Asterix-Hefte (niemals mit Filzi vollmalen) und seine Chipsfrisch. (niemals aufessen, noch nicht einmal die Hälfte). Und die Nummer mit den großen Autos hatte ich auch schnell erfasst. Das Auto meines Vaters durfte NIEMAND anderes fahren als er, Mutti schon gar nicht. Wir Kinder durften maximal unseren kleinen Hintern auf der Rückbank des großen dunklen Autos platzieren.
Zehn Jahre später fand ich meine Eltern blöd und mein erstes eigenes Auto cool. Und was war? Anstatt mich von dem totalitären Prinzip meiner Erziehungsberechtigen abzugrenzen, bekam ich Ausschlag, wenn jemand außer mir meinen Wagen fuhr. Die konnten ja alle gar nicht schalten! Und bremsten zu spät! Hörten die denn nicht, das man den NIEMALS untertourig fahren darf? Das klingt doch scheiße! Und ... oh, nein, „Du willst jetzt KEIN fettiges Croissant in dem Wagen essen, oder?“ Spätestens mit der Backware war alles dahin. Alle guten Vorsätze, kommunistische Ideale, Großmut, Freigiebigkeit und Nachsicht. Haste gedacht, fette Schnecke. Der Wagen war mein allein, teilen ist nicht.
Dieser leicht engherzige Charakterzug hält sich bis heute. Von Zeit zu Zeit versuche ich, mich in Sachen Gebefreudigkeit zu testen. Ich sähe mich gern als eine Person, die einfach mal so ihren Autoschlüssel zückt und sagt: „Hier, nimm hin. Mir ist heute so freigiebig zumut.“ Dabei rutscht mein Hermelincape leicht von meiner Schulter, während der so reich Beschenkte vor Glück erschaudert. Aber schon in der Sekunde der Übergabe zuckt meine Hand zurück. Schon die Vorstellung eines krümelnden  Fremdkörpers in meinem mobilen Königreich bereitet mir körperliche Schmerzen. Ich würde ja gern, aber ich kann nicht über meinen Schatten springen. Autos und Frauen verleiht man einfach nicht. Zumindest keine Autos.