Next stop Elektroschock

Next stop Elektroschock

Der November ist ein guter Monat, um trüben Gedanken nachzuhängen – was wäre zum Beispiel, wenn wir in Zukunft ein Leben komplett ohne Verbrennungsmotor fristen müssten? Wiebke Brauer beginnt sich zu gruseln.

Heute ist ein schön grauer und trostloser Tag. Der perfekte Tag, um sich mal eine Welt ohne Autos vorzustellen. In dieser Welt schwirren nur noch Elektromobile durch die Gegend und Fahrzeuge mit Brennstoffzelllen-Antrieb. Alles ist BlueMotion, Blue Efficiency, Blue Zero und Green Line. Sogar die NEFs, die Niedrigenergiefahrzeuge, sind von den Straßen verschwunden. Keine Verbrennung, kein Benzin, kein Otto, kein Diesel, kein Diesotto. Es hat sich ausgebrannt.
Nur ökologisches Gesumme und der alternative Sound von Fahrradklingeln erklingt in den Straßen. Es wird auch keine Tanksäulen mehr geben. Nur noch gelbe und blaue Supermärkte mit Steckdosen. Und weil das Aufladen ein bisschen dauert, kann man solange in einer E-Lounge rumlungern oder Wäschewaschen mit Frosch-Waschmittel oder einen politisch unkorrekten Film gucken, um sich die Zeit zu vertreiben. „Hitcher, der Highway Killer“ oder „Mad Max“ zum Beispiel.
Es wird keine benzinschwangeren Zippos mehr geben, keine Messe-Hostessen in Bikinis mit Flammenmustern und kein abgeliebtes Autoquartett. Stattdessen werden Sonnenkollektoren mit Pandagesicht in den Autoscheiben kleben. Oder junge Leute klemmen sich quiekende batteriebetriebene Plüsch-Garfields in die Kofferraumklappe und finden es witzig. Oder Diddl-Mäuse. Wer weiß.
Natürlich wird es auch keinen Pirelli-Kalender mehr geben und keine Formel 1. Ich werde niemals mehr einen echten John Deere Aufsitzmäher fahren, und auch nicht am Steuer eines Lamborghini Murciélago LP 640 mit V12-Motor und sechseinhalb Liter Hubraum sitzen. Der CO2-Ausstoß dieses Wagens liegt übrigens bei 495 Gramm je Kilometer. Einst werden wir daran zurückdenken, wie es war, als sich über diese Werte nur Bionisten und Alnatura-Junkies mokierten – aber dann dauerte es nicht lange, und man nannte diese Autos „Klima-Killer“, erließ Gesetze und verbannte sie von den Straßen. Alles wird automatisiert und verstromt – der totale Elektro-Schock.
Dann werden Menschen sich Aufkleber auf den lösungsmittelfreien Lack ihrer Elektromobile bappen. Wir lesen darauf „Ich bin ein Recycling-Ferrari“, „Lieber 16V statt V8“ oder „Power satt ohne Kat“, wobei letzteres schon ziemlich traurig macht, weil man wehmütig an G-Kats, Abgasnormen und rote Umweltplaketten denkt. Tja, das waren noch gute und schmutzige Zeiten.
Wobei mir einfällt: Das SIND gute und schmutzige Zeiten. Herrlich. Ich gehe mal in die Garage und rauche eine Overstolz.