Nackt durch den Reifen

Nackt durch den Reifen

Frauen wollen eigentlich nur eins: Männern gefallen. Und um sich in dieser Disziplin weiter zu bilden, hilft ein Blick in den neuen Pirelli-Kalender. Wiebke Brauer gibt sich redlich Mühe, das neue August-Mädchen zu werden.

Ich will auf den Pirelli. Gerade mampfe ich die Schokotäfelchen aus dem Adventskalender für die zweite und dritte Dezemberwoche weg und lese etwas über den neuen Pirelli-Kalender. „The Cal“, wie das Werk in der Marketingsprache des Unternehmens heißt. Natürlich interessiere ich mich für „The Cal“, weil dem Ding ein Kultstatus unterstellt wird – und was Männer scharf finden, wollen Frauen schließlich immer wissen. Ich meine, ich schminke mich ja auch nicht zu meiner eigenen Belustigung – oder ziehe hohe Schuhe an, weil ich mich dann wohler fühle. Das macht man als Frau schon für den Mann an sich. Deswegen lese ich auch ständig Schminktipps („Make-up, das Sie jünger macht“), quäle mich durch Apfelessig-Diäten und onduliere mir das glänzende Deckhaar.
So, und wie müsste ich nun sein, um als – sagen wir – August-Mädchen von Pirelli zu posieren? Ich lese, dass Pirelli diesmal den amerikanischen Fotografen Terry Richardson engagiert hat, dazu sehe ich Terry mit einem Model, beide essen Bananen. Seltsam. Terry Richardson sei „das gefeierte „enfant terrible“, bekannt durch seine provokativen und skandalösen Fotos.“ Ah ja. Meines Wissens sieht man ja nicht unbedingt wie das blühende Leben aus, wenn man von Herrn Richardson abgelichtet wird, aber mein Teint hat eh gerade etwas leicht Molkiges, passt also gut. So, und was sagt der Künstler zu seinem Werk? „Ein großer Fotograf“, erläutert Richardson (ich glaube, er meint sich), „erfasst den Moment. Deshalb habe ich ohne zusätzliche Geräte und ohne Assistenten fotografiert. Meine Technik ist der Verzicht auf Technik.“ Das ist klingt ungeheuer raffiniert und auch irgendwie sublim. Das mache ich also auch. Ganz ohne Technik – und sogar ganz ohne Terry.
Desweiteren schreibt Pirelli in der Pressemeldung: „Richardson zeichnet ein Frauenbild, das durch seine Natürlichkeit fesselt, das mit Stereotypen spielt, um diese wieder umzukehren.“ Das klingt geradezu erotisch intellektuell und aufreizend, ohne sexistisch zu sein! Ich klicke mich durch die Bilder, um die verspielten und doch umgekehrten Stereotypen zu begutachten. Grandios. Ich sehe das Model Georgina Stojilijkovic nackt mit einem Faultier, Daisy Lowe und die Australierin Catherine McNeil nackt in einem Autoreifen und eine fast nackte Frau in einem Schlüpper mit einer „10“ auf dem Podex. Das ist also fesselnd natürlich und emanzipatorisch verspielt. Ich bin beeindruckt. Jetzt verstehe ich auch die Bananen.
Ein „spielerischer, reiner Eros“ soll im Kalender zum Ausdruck kommen, es gehe um den „Charme der natürlichen Weiblichkeit.“ Gut, das klingt machbar. Brust rein, Bauch raus – und die Schminke weglassen. Aber der Rest? Ich stopfe mir die restliche Schoke rein und seufze. Ich soll mich ausziehen, nicht schminken, ein pelziges Tier auf den Arm nehmen, eine Banane essen und mit einem Autoreifen Hula tanzen. Mannomann. Es ist wahrlich schwierig, sexy zu sein.