Mopf-Muschis im Ferrari

Mopf-Muschis im Ferrari

Was ist rot, laut und trifft sich einmal im Jahr? Der Ferrari Club Deutschland. Wiebke Brauer hatte das Vergnügen, die diesjährige Zusammenkunft auf Sylt aus sicherer Entfernung zu beobachten. Ein Erlebnisbericht über eine Begegnung der dritten Art.

Sozialneid ist eine feine Sache. Man amüsiert sich auf Kosten anderer – herrlich. Und nichts bietet mehr Gelegenheit, dem Sozialneid zu frönen als das Jahrestreffen des Ferrari Clubs Deutschland auf Sylt. Ich für meinen Teil war mit der Bahn (2. Klasse) zu einem völlig anderen Anlass auf die Insel gekommen und staunte nicht schlecht, als ein ganzes Rudel dieser Wagen an mir vorbeizog. Auf Sylt machte man ein großes Bohei um die Flundern, die Polizei begleitete den Konvoi, die Whiskeymeile wurde komplett gesperrt. Ich musste zugeben: Viele flache rote Autos machen viel her. Manche waren übrigens auch gelb. Oder grau.

Man sieht schon an dieser hochemotionalen Beschreibung, dass ich ein etwas unerotisches Verhältnis zu Ferraris habe. Natürlich bin ich die erste, die phallische Defizite durch automobile Protzigkeit kompensiert. Aber eben nicht mit einem Ferrari. Gut, kann ich mir nicht leisten, insofern stellt sich die Frage nicht. Aber mir fehlt offenbar das Gen, um für diese Schleudern zu brennen. Jemand sagte einmal zu mir zum Thema Käfer: „Weißt Du, mit Käfern ist es so eine Sache. Entweder man liebt sie – oder man hasst sie.“ Da musste ich zugeben: Stimmt. Bei einem Käfer bekomme ich Plaque. Und bei einem Ferrari überlege ich sofort, welches Auto ich mir kaufen könnte, wenn ich einen im Lotto gewänne und vertickte. Ich würde mir sofort einen Lamborghini Miura zulegen, quer eingebauter V12-Mittelmotor, benannt nach einem Kampfstierzüchter. Mehr Testosteron geht nicht.

Interessant ist natürlich auch die Gattung der Ferrari-Fahrer. Bei deren Anblick beschlich mich das Gefühl, dass viele von den Herren anders ticken als ich. Zum einen komme ich weder aus Suburban Frankfurt oder Deepest Gelsenkirchen – rein akustisch jetzt. Zweitens trage ich keine quietschgelbe Windjacken mit Pferdchen drauf. Das lehne ich seit der vierten Klasse ab. Drittens habe ich keine reife Frau an meiner Seite, deren Make-up so farbenfroh schillert wie das Paillettenmuster des Ed-Hardy-Shirts, das sie trägt.  Wobei ich zugeben muss, dass viele Ferraristi mit ihren Frauen eine Art Modelpflege betreiben: Die meisten weiblichen Begleiterinnen waren etwa halb so alt wie die reifen Fahrer. Mopf-Mädels eben.

Ich habe nichts gegen Geschäfts-Modelle. Jede sollte sehen, wo sie bleibt. Wenn ich es nicht auf die Kette bekomme, mir einen reichen Kerl zu angeln, weil ich partout selbst fahren will und keine gelben Jacken an- und vor allem wieder ausziehen will, ist das meine eigene Schuld.

Aber kommen wir zum versöhnlichen Ende. Der Unterhaltungswert war natürlich unbezahlbar. Und um Clubpräsident Arnold Gardemann zu zitieren: „Unter unseren Mitgliedern gibt es ganz verschiedene Charaktere – angefangen von Sammlern über Historik-Fans, die die Geschichte von Enzo Ferrari fasziniert, bis hin zu Fahrern, die das Design dieser Marke lieben. Allen gemein ist die große Leidenschaft.“

Siehste. Am Ende sind wir alle gleich.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 21.06.2010