Mit 30 PS über die Alpen

Mit 30 PS über die Alpen


Mit 30 PS über die Alpen

Große Fahrt für ein kleines Krabbeltier: Mit einem 57er Ovali Käfer ging es von seiner Geburtstätte Wolfsburg über die Großglockner-Hochalpenstraße bis nach Venedig. Wir waren dabei

Da hatten sie mir ja mir ja was Schönes eingebrockt auf meine alten Tage – bis nach Italien sollte ich fahren, quer über die Alpen! Als ob es keine Autoreisezüge gäbe...
Mein Name ist übrigens Fridolin – obwohl ich kein Lastesel von der Post bin, sondern ein Typ 11A mit Faltschiebedach. Aber jemand fand, ich bräuchte einen Namen, und nach einem Blick auf mein Kennzeichen wurde ich „Braver Fridolin“ genannt. In meinem Fertigungsjahr 1957 (ich bin einer der letzten, die in jenem Sommer mit ovalem Heckfenster vom Band liefen) wagte es – zumindest offiziell –  noch niemand, mich einen Käfer zu nennen.
Dass ich ein Exportmodell bin, ist übrigens durchaus wörtlich zu nehmen: Ich trat gleich zu Beginn die große Reise über den Atlantik an, was an meinem Meilentacho bis heute erkennbar ist. Erst ein dreiviertel Jahr vor dieser Italientour kam ich zur Stiftung AutoMuseum Volkswagen. Dort hatte ich mich auf einen schönen Ruhestand gefreut – aber es sollte anders kommen. Ich wurde von den Werbestrategen des Wolfsburger Autokonzerns ausgewählt, den 1000. Besucher des wieder eröffneten Automuseums samt Begleitung nach Italien zu bringen, auf der traditionellen Touristenroute über die Großglockner-Hochalpenstraße. So bekam ich einen flammneu aussehenden, aber originalen 30 PS Motor implantiert, wurde technisch und optisch auf Vordermann gebracht und durchlief eine Vollabnahme und die H-Prüfung beim TÜV. Zu diesem Zweck musste ich mit anderen Scheinwerfern, Blinkern vorn und hinten sowie einer Warnblinkanlage ausgerüstet werden. Leider hat man mir in der Hektik dafür einen hässlich modernen Schalter ins Armaturenbrett gepflanzt und meine originalen Winker einfach schnöde abgeklemmt – so eine Gemeinheit! Die Route will gut geplant sein!

Schließlich kam der große Tag. Bei strahlendem Sommerwetter lernte ich die Köhlers kennen, den Hermann-Otto und seine Ursula, beide in den Sechzigern und damit etwas älter als ich, aber auch noch gut in Schuss. Unter den Blicken vieler Neugieriger starteten wir zu unserer Tour. Zu Anfang hatte Hermann-Otto etwas Eingewöhnungsschwierigkeiten mit meinem Getriebe – der Rückwärtsgang und der Erste sind halt noch unsynchronisiert. Aber nach kurzer Zeit ging es. Köhlers fuhren noch kurz bei ihren Kindern vorbei, weil es quasi am Weg lag, und verabschiedeten sich gebührend. In Göttingen gab es die erste Rast. Die Menschen gingen essen, ich hatte Pause. Auf dem Weg zum Tagesziel nach Alsfeld schepperte es plötzlich – meine linke vordere Radkappe rollte auf Nimmerwiedersehen davon. Am Abend, während Ursula und Hermann-Otto eine Stadtführung durch Alsfeld bekamen, wurde ich von den beiden Technikern gecheckt. Da stand plötzlich ein Mensch neben uns, der sich als Käferliebhaber zu erkennen gab – und aus seinem Fundus gleich zwei passende Radkappen für mich herausrückte. Fand ich toll!
Am nächsten Morgen ging es über den Vogelsberg nach Bad Orb und ohne Probleme weiter bis zum Tagesziel in der Nähe von Würzburg. Dort machten Köhlers abends noch eine Weinprobe, während ich einen Tank voll Super mit Bleiersatz bekam. Jeder so wie er mag! Der Berg ruft! Auch wenn 30 PS nicht allmächtig sind, für die Alpen reichen sie locker.

Der dritte Tag führte uns zunächst auf die schwäbische Alb, nach Nördlingen. Da gab es auch ein paar gehörige Steigungen, aber das steckte ich locker weg. Nach der Mittagspause ging es an der Fuggerstadt Augsburg vorbei und auf Bundesstrassen bis zum Tegernsee. In Bad Wiessee war unser Etappenziel, das letzte auf deutschem Boden. Meine Scheinwerfer erspähten in der Ferne schon die Alpen. Nun wurde es wohl Ernst!
Am nächsten Morgen hielt Hermann-Otto schon nach ein paar hundert Metern wieder an. Die mitgereisten Servicetechniker, der Michael und der Edsel (ja, der heißt wirklich so, und hässlich ist er auch nicht!), machten sich schon Sorgen, aber Hermann-Otto war nur meine Drehzahl beim Kaltstart zu hoch. Das war mit einer Korrektur am Chokezug (Nein, ich habe noch keine Startautomatik!) schnell behoben. Über die österreichische Grenze und bis Kaprun kam ich ganz problemlos. Dort, bei einem Hotelier namens Vötter, besichtigten Köhlers dessen private Oldtimersammlung. Da steht sogar ein Brezelkäfer drin, schwarz und mit großem Faltdach, wie ich. Anschließend machten wir auf dem Abzweig ins Käfertal (wie passend, hihi!) ein Picknick, und dann ging es an der Mautstelle vorbei auf die Großglockner-Hochalpenstrasse. Nun kam meine Bewährungsprobe, und es war nicht leicht. Die Wintersperre war erst ein paar Tage zuvor aufgehoben worden, teilweise war der Schnee an der Seite höher als mein Dach. Meine Kupplung hat anschließend ziemlich gestunken von dem vielen Anfahren am Berg durch etliche Fotostopps, aber ich hab’s geschafft! Ein Aufkleber fürs Seitenfenster war meine Belohnung. Auf der anderen Seite wurde es mir an den Bremsen ganz schön warm... Kleines Picknick am Fuß der Alpen

Unser Tagesziel hieß Lienz. Leider war die Innenstadt eine einzige Baustelle, und eine Hotelgarage gab es für mich auch nicht! Wir waren alle recht froh, dass es am nächsten Morgen früh weiter ging. Der Plöckenpass stellte nach dem Großglockner für mich keine echte Herausforderung mehr dar, aber oben war es aus mit der Sonne, die uns bis hierher treu begleitet hatte. Nebel und Nieselregen erwarteten uns an der Grenze, von wegen bella Italia! Uschi und Hermann-Otto wärmten sich erst mal an einem offenen Kamin im Café. Als wir am Südhang der Alpen ankamen, wurde das Wetter besser, und bis Venedig blieb es auch trocken. Auf der Piazza le Roma hieß es dann Abschied nehmen. In Venedig gibt es halt nur Wasserstrassen, und ich bin ja nicht Herbie! Italien empfing uns mit Nebel und Niesel - brr!

Während Köhlers sich noch ein schönes Wochenende in Venedig machen durften, verluden Michael und Edsel mich auf den mitgebrachten Trailer für die Heimfahrt. Danach durfte ich die Tour übrigens noch dreimal absolvieren... – ach, Kleinigkeit!

Dieser Artikel erschien am 24.12.2008