Mercedes-Märchenland

Mercedes-Märchenland


Messebummel

Angenehm überrascht von den Qualitäten der Bremen Classic Motorshow 2008, hat Till Schauen sich entspannt umgesehen. Hier ein paar Ergebnisse seines Streifzugs.

Es ist wirklich ein Glück, dass ich nie mit vierstelligen Bargeldbeträgen im Portemonnaie rumlaufe. Es wäre wahrscheinlich zum Schlimmsten gekommen und ich hätte am Ende der Messe den Zündschlüssel eines Autos umgedreht, für das ich weder Platz noch Budget habe …

So blieb es dabei, dass ich nur schmachtend um gewisse Stände herumschlich und versuchte, nicht allzu leidend dreinzuschauen. Das erste Auto, das ich zum Glück nicht kaufen konnte, war ein 1968er AMC Ambassador SST Hardtop Coupe, mit 5,6-Liter-V8, frisch aus Kalifornien eingetroffen, in wundervoller Patina.

Das Interieur ist recht gut erhalten (ausgenommen die Vordersitze, die offensichtlich neue Bezüge bekommen haben), das Armaturenbrett hebt sich in seiner Gestaltung deutlich von der Beliebigkeit vieler US-Entwürfe ab; zwar hat jemand das Vinyldach durch einen mattschwarzen Pinselanstrich ersetzt, aber das finde ich sogar verzeihlich. Das Auto war zum Glück am Samstag schon verkauft, Preis 8900 Euro.

Danach entdeckte ich etwas noch Schöneres: einen 1934er Panhard Panoramique, mit Sechszylinder-Schiebermotor, gut restauriert … der Wagen traf mich tief ins Mark. Ein Vorkriegs-Panhard! Genau aus der besten Zeit, als die aufrechte Gestaltung der Zwanziger überging in die Stromlinien-Ära der Dreißiger, angeboten für ziemlich wenig Geld … schmelz schluchz … Diesmal war es wirklich soweit, dass ich fast zum Telefon gegriffen hätte, um einen Termin mit meinem Bankberater zu vereinbaren.

Wahn und Wirklichkeit im Parkhaus

Zum Glück war Wochenende, und ein Besuch auf dem Automarkt im Parkhaus brachte mich ziemlich heftig auf den Boden zurück. Dort gab es allerlei Youngtimer zu sehen, darunter besonders auffällig eine Reihe von Mercedes W123. Angeboten waren gleich zwei Stück des Typs 250, der sich durch einen ungeliebten Vergaser-Sechszylinder auszeichnet – vor drei Jahren wollte diese Kisten kein Mensch für geschenkt haben. Das hat sich offenbar geändert. Die Autos waren recht ordentlich erhalten, mit geringer Laufleistung – beide Faktoren aber rechtfertigten nicht die absurden Preisschilder, die dran hingen: knapp unter 8000 Euro! Damit wären diese 250er, so schön sie sind, um ungefähr das Dreifache überbewertet.

Daneben war ein weiterer W123 angeboten, Typ 300D, ein klassischer Arbeitsesel. Danach sah das Exemplar auch aus: ziemlich mitgenommen. Bemerkenswert der Tachostand: 85.000! Der Allgemeinzustand, vor allem aber das völlig abgegriffene Lenkrad gaben einen deutlichen Hinweis auf die tatsächliche Laufleistung, geschätzte 400.000. Die geforderten EUR 2.500 für diese traurige Mähre waren absolut inakzeptabel. W123 im Mercedes-Märchenland!

Dabei gab es direkt daneben durchaus überlegenswerte Angebote: ein 350SE W116, für 3450 Euro völlig in Ordnung; ein 1957er Opel Kapitän in offenbar gutem Zustand: 5200 Euro einen genauen Blick wert; oder ein prima erhaltener Ford Taunus 3 1,6 für 2500 Euro. Selbst die Händler in den Hallen boten Interessantes, etwa einen schönen Mercedes 250C/8, gut erhalten und ausgestattet – für EUR 10.500 auch korrekt bewertet.

Ein bisschen verblüffend das Preisschild an einem Fiat 126: EUR 4500! Zugegeben, das Autochen ist in wunderbarem Zustand – aber dass dafür inzwischen die Preise solcherart anziehen, hätte ich nicht erwartet.

Gutes Werkzeug und automobile Altertümer

Auch sonst gab es schöne Dinge zu entdecken. Intratec, Händler für Spezialwerkzeug, hatte eine handliche LED-Lampe mit Magnetfuß im Angebot – für EUR 59 nicht ganz billig, aber da man die Lampe einfach kopfüber an den Unterboden setzen kann, muss man nie wieder nach einer Hängemöglichkeit für die Stablampe suchen, und das Licht ist sowieso besser. Auch nicht schlecht vom selben Anbieter: ein cleveres Set zum Herausziehen von Blechbeulen.

Nicht vergessen sei der Ford A Special, mit einer wundervollen Torpedo-Karosserie in Handarbeit versehen von Oldtimer Classic Cars.

Das Automuseum Melle zeigte einen ganz besonderen Scheunenfund: einen De Dion Bouton, ausgeliefert 1905 durch die "Erste Osnabrücker Automobil-Gesellschaft", lange vergessen, jetzt wieder ausgemottet. Das Auto hat das letzte Jahrhundert erstaunlich gut erhalten und wird seine Patina auch nach der Restaurierung zeigen.

Natürlich gabs noch viel mehr zu sehen – ein Besuch in Bremen 2009 sei dringend empfohlen.