Mein schwarzes Geheimnis

Mein schwarzes Geheimnis

Jeder von uns kann auf eine automobile Lebensgeschichte zurückblicken, die meist im zarten Alter mit einem Matchbox-Auto begann, einem Quartett – oder einer Carrera-Bahn. Wiebke Brauer muss heute etwas beichten.

Ich besaß früher kein Autoquartett. Schlimmer noch: Ich habe noch nicht einmal Autoquartett gespielt. Jetzt ist es raus, ich habe es gesagt. Es ist mir nämlich sehr peinlich. Während Männer natürlich ALLE Autoquartett gespielt haben und noch heute darüber fachsimpeln, mit welcher Karre man durch welche Zylinderzahl, PS oder „Stukis“ wen ausstechen konnte, kann ich nur schweigend daneben stehen und mich in Grund und Boden schämen. „Stukis“  sind übrigens, wie ich lernte, Stundenkilometer. Und der Sieger in dieser Kategorie war der Jaguar E, der mit 240 Stukis auf der Karte stand. Ich hatte keine Stukis. Ich hatte noch nicht einmal eine Barbie, aber von diesem Trauma wollen wir heute nicht sprechen. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz: „Scheiß Familie Sonnenschein“ sagen. Danke.

Sich heute für schöne Wagen zu interessieren und dennoch als Kind kein Autoquartett gespielt zu haben ist natürlich eine Schizophrenie mitteschweren Ausmaßes, ein Dilemma, ein schwarzer Fleck auf meiner ansonsten blütenweißen autophilen Weste. Wenn wir jetzt mal von dem Polo Fox, der vergurkten Führerscheingeschichte und gewissen anderen Lappalien absehen, die hier und da mit einer Strafanzeige endeten.

Nein, das Autoquartett ist meine Nemesis. Es ist ein bisschen so, als würde man heute zu jemandem sagen: „Weißt Du, ich hatte keinen Schulranzen von Scout. Meiner war von Amigo. Außerdem trug ich eine Edwin-Jeans und Turnschuhe mit zwei Streifen.“ Eigentlich kann man dann auch gleich hinzufügen: „Seit ich mit meinem Amigo über den Schulhof stolperte, weil mir wie immer jemand ein Bein stellte, gehe ich als Loser durch mein Leben, ein Freak, mit dem keiner spielen wollte und will. Ich stellte damals auch meine Federtasche in der Mitte des Schultischs senkrecht auf, damit keiner von mir abschreiben kann. Ach, seien wir ehrlich. Von mir wollte noch nicht einmal jemand abschreiben. Und beim Sportunterricht, wenn man auf der Bank saß und zwei tolle Jungs ihre Mannschaften wählten, saß wer als letzte auf der Bank, weil alle anderen zuerst in die Teams gewählt wurden? Ich. Ohne Autoquartett.“

Viele Jahre später habe ich einen Weg gefunden, aufrecht durch mein Leben zu gehen. Ich bekam von meiner besten Freundin drei „der gehört mir“ geschenkt, „Ein Gesellschaftsspiel für alle Autofreunde“. Das machte mich zu einem sehr glücklichen Menschen. Wer braucht schon eine Vergangenheit mit Autoquartett, wenn man drei „der gehört mir“ besitzt. Eben.


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