Mein Feind, der Baum

Mein Feind, der Baum

Sie nadeln, sudeln, blättern und ästeln: Wiebke Brauer liebt das Grün – aber kann sich trotzdem über den natürlichen Gegner des gepflegten Automobils erregen: Den Baum.

Buchen sollst du suchen. Von wegen. Die Jungs mit Rinde haben nämlich nichts anderes zu tun, als ihre Eckern auf meinen Wagen zu befördern. Und sieht man einmal nach, was Eckern genau sind, kann man nachlesen: „Die dreikantigen Nüsse der Buche sitzen zu zweit in einem außen struppig-rauhen, vierlappigen Fruchtbecher, Cupula genannt.“ Das ist ekelhaft! Das klingt ekelhaft! Und das Ekelhafte fällt auf meinen Wagen! Ein SL voller struppiger Cupuli!
Dabei habe ich mich an dieser Stelle noch nicht einmal über Linden ausgelassen. Aber wenn wir schon einmal dabei sind: Sie blühen gerade und verströmen einen süßlichen Geruch, den manche schätzen, andere weniger. Und die Lindenbäume haben es sich kollektiv ins Geäst gesetzt, maximal viele Autos zu beschlotzen, um sie dann mit ihren Blättern und Blüten so lange zu bewerfen, dass sie aussehen wie ein postapokalyptisches Bundeswehrfahrzeug.
Ich habe mich inzwischen zum Botaniker entwickelt und erkenne jedes Lindengewächs auf hundert Meter. Meist stoße ich dann spitze Töne aus und rufe warnend arglosen Autofahrern zu: „Seht! Ein Tilioideae! Sie greift an!“ Denn man muss sich nicht einmal direkt unter die Killerschleim-Linde stellen, um von ihr erwischt zu werden. Sie benetzt auch gern aus der Entfernung. Schnell ist der gesamte Lack mit einer feinen Betröpfelung des Sekrets bedeckt. Alien lässt grüßen, und wieder steht man mit Wassereimer, Geschirrtuch und Lederlappen in der Garage. Vielen Dank. Es bleibt zu vermuten, dass die Linden mit Mr. Wash eine geheime Kooperation eingegangen sind. Was heißt hier Verschwörungstheorie?
Meine Freunde weigern sich inzwischen, mit mir Auto zu fahren, weil die Parkplatzsuche zur Odyssee des grünen Grauens gerät. Ständig heißt es: „Nein, das ist ein Ahorn, der ist erstens zwittrig, zweitens sind die Blüten fünfzählig und das Gynoeceum oberständig!“ Oder auch mal: „Hier kann ich nicht stehen. Bei der Eiche fallen die Nebenblätter früh ab. Außerdem hält die Eiche den Rekord als Heimat von verschiedenen Schmetterlingsraupenarten. Die fallen auf das Leder und besudeln alles!“ Und wird es Herbst, warten die Kastanien nur darauf, ihre Geschosse auf meine Karossen zu feuern.
Atempause bringt also nur der Winter. Immerhin haben die Bäume und ich dann einen gemeinsamen Feind – sein Name ist „Salz of the evil Metallfraß“.
Das Leben ist schon hart.

Autor: Wiebke Brauer