Manisches am Motorblock

Manisches am Motorblock

Der Herbst ist der Feind des gepflegten Oldtimers. Wiebke Brauer setzt sich darum von Zeit zu Zeit in die Garage, um ihrem Wagen nah zu sein – und um mit ihm über den Wahnsinn in der Welt zu sprechen.

„Liebes Auto.“ (Autorin hat die Plane vom Wagen gezogen und setzt sich mit ihrer Thermoskanne auf den Boden, mit dem Rücken an der Stoßstange. Es riecht ein bisschen nach kaltem Öl, feuchtem Staub und Kellerasseln.)
„Liebes Auto, gestern bin ich Bus gefahren. An der Haltestelle, an der ich einstieg, stand ein junges Mädchen mit einer ambitionierten Frisur und in enger Jeans mit Applikationen. Das fand ich nicht weiter ungewöhnlich, abgesehen von der Tatsache, dass sie sehr laut Musik hörte, sehr laut Kaugummi kaute, unentwegt in ihrer müllsackgroßen Handtasche kramte und hüftbetont zu tanzen anhub, wenn ihr eine Passage des Gehörtem besonders gut gefiel. Das befremdete mich doch stark.

Normalerweise schützt Du mich vor gummimalmenden Tänzerinnen. Du fährst eine Scheibe zwischen mir und der feindliche Außenwelt hoch, das Leder knarzt und duftet, der Motor blubbert so laut, dass ich die Geräusche und Gerüche meiner Mitbürger nur erahnen kann. Doch ohne Dich fühle ich mich angreifbar, antanzbar, allein in einer mir feindlichen wie unverständlichen Masse von Menschen, die Dinge tun, die ich selten begreife. Sie fechten mit tropfenden Regenschirmen um die besten Plätze im Bus, sie halten sich Schwerbehindertenausweise unter die Nase und battleln, wer behinderter ist.
Vielleicht übt das Busfahren die Menschen auch in sozialer Toleranz. Dies ist ein freies Land, jeder kann schmatzen, tanzen und kramen, wie er lustig ist. Außerdem ist die humanoide Zusammenrottung gerade schwer im Trend. Die einen fahren mit dem Zug zu Versammlungen, um gegen Bahnhöfe zu demonstrieren, die anderen gehen auf „Take That“-Konzerte.“ (Das Licht in der Garage geht aus. Autorin zuckt mit den Schultern.)

„Weißt Du, auf der anderen Seite pocht jeder auf seine Individualität, lässt seine Turnschuhe und seinen Mini customizen, setzt sich eine Woody-Allen-Brille auf die Nase und packt sein Apple-Produkt ein. Dann reiht er sich in eine Masse von Woody-Allen-Brille-tragenden Menschen ein, die auch alle Mini fahren und iPods haben.

Okay, sagst Du jetzt, kuck’ mal in den Spiegel, Du findest Dich auch unverwechselbar und exzentrisch, weil Du eine Schleuder wie mich besitzt – und bist doch nur eine Durchschnittselse, die ein bescheuertes wie überteuertes Hobby pflegt. Gleicher als gleich, sozusagen. Andere tanzen an Haltestellen. Du sitzt in Deiner Garage und redest mit einem Auto über Deine manische Misanthropie.“

(Das Licht geht an, das Tor öffnet sich, ein Garagennachbar kommt herein, man kennt sich vom Sehen.)

Autorin: „N’abend.“
Garagennachbar: „N’abend. Na, Herbstkoller?“
Autorin: „Jupp.“
Garagennachbar nickt, deckt sein Motorrad ab, setzt sich daneben und zündet sich eine an.
Beide schweigen.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 08.11.2010