Mad in Germany

Mad in Germany

Deutschland, Deutschland, über’s Auto: Die Fußballweltmeisterschaft ist in vollem Gange, die sportbegeisterten Bürger schmücken ihre Fahrzeuge mit den Nationalfarben, als ob es kein Morgen gäbe. Wiebke Brauer über das deutsche Gemeinschaftsgefühl.

Fußball ist eine feine Sache. Man ist endlich mal für irgendwas – nicht immer so undefiniert und unpolitisch und uninteressiert. Hier geht es um etwas, man zeigt Flagge und bekennt sich. Fußball ist auch so schön emotional, man kann brüllen und hupen, mächtig außer sich sein, sich richtig einen auf die Lampe gießen und laut singen. Und als Frau kann man sich mit Wachsmalstiften eine Kriegsbemalung ins Gesicht zaubern, wild kreischen, fremde Menschen umarmen und überhaupt ganz verrückte Sachen tun. Wann geht das schon? Diese anarchische Fröhlichkeit.

Außerdem kann man mit seinem Auto während der Weltmeisterschaft ein Zeichen setzen. Durch die Nationalfarben an der Karosse verbündet man sich mit Gleichgesinnten und kann sofort sehen, wer so tickt wie man selbst. In einer kalten und globalisierten Welt fühlen wir uns dadurch nicht mehr so einsam. Das Glück liegt in der Menge: Wir sind Teil einer Gemeinschaft, die Menschenmasse um uns wärmt das Herz und die frierende völkische Seele.

Deswegen kaufen wir uns für 7.99 Euro einen Deutschland-Überzieher für das Außenspiegelgehäuse, kurz „Außenspiegelfahne“ genannt. Lustiger Neologismus. Oder wir werfen der Firma Max Fields 12 Euro in den Rachen – für den Fuchsschwanz „Deutschland“ in schwarzrotgold. Ganz zu schweigen von dem Satz Radzierblenden mit Fußballoptik und Deutschland-Streifen. Car Flair verkauft das WM-Accessoire für 99 Euro. Manche kaufen sich auch das gelbgrüngezottelte Plüsch-Maskottchen namens Zakumi, kleben es von innen an die Scheibe und verströmen so einen kosmopolitischen Flair.

Man verstehe mich nicht falsch, Menschen sollen sich und ihr Hab und Gut schmücken und sich darüber freuen, in was für einem Spitzenland sie wohnen. Ich wünsche mir nur manchmal, sie würden sich nicht immer zeitgleich uniformieren, sondern auch mal zwischendurch ihr Auto mit pinkfarbenen Klecksen zieren, gleich ein schmückendes Auto kaufen oder jemandem erzählen, dass man in Deutschland prima wohnen kann. Aber jetzt fange ich ja selbst schon wieder an zu meckern. Typisch germanisch: Wenn man mal lustig ist, kommt sofort wieder so eine Spaßbremse vorbei und fordert Betroffenheit, politisches Bewusstsein und Individualität. Kennt man ja. Die hören nur so linksdrehende Musik von Liedermachern mit Migrationshintergrund, saufen Bier ohne Namen und würden auch gegen Pornografie und V8-Motoren auf die Straße gehen. Theoretisch. Erst gründen sie dagegen eine Gruppe auf Facebook.

Immer diese Deutschen. An allem haben sie etwas auszusetzen. Furchtbar. Aber Autos können sie bauen.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 06.07.2010