Krieg der Kratzer

Krieg der Kratzer

Früher radelten Menschen genüsslich ihrer Wege, Autofahrer zockelten über die Straßen. Und heute? Liefern sich die Verkehrsteilnehmer einen erbitterten Kampf. Mittendrin im ganz normalen Wahnsinn: Wiebke Brauer

Ein eindrucksvoller Kratzer, keine Frage. Vierzig Zentimeter lang zieht er sich über die Motorhaube hin, gezogen von einem erbosten Menschen, dem der parkende Wagen offenbar in die Quere gekommen war. Der Mensch blickte sich einmal kurz um, zückte seinen Fahrradschlüssel, setzte an und ratzte langsam und genüsslich über den Lack. Mit Autoschlüsseln macht man feine und tiefe Rillen, mit ABUS-Produkten hingegen richtig fette Schürfungen. Und das Geräusch! Als ob man mit der Diamantnadel des Plattenspielers einmal quer über Vinyl kerbt. Ein Gefühl, als ob man auf Alufolie kaut. Hässlich ist die Scharte. Borstig, breit, schartig und verletzend auf dem glatten und dunklen Lack. Seine Laune muss sich sofort gehoben haben.

Jetzt steht man da und poliert die Haube wie ein Geistesgestörter. Zwischen lauter Autofahrern, die ihre Neuwagen aussaugen, zur Rechten ein mittelalter Mann mit seinem mittelalten Jaguar und seiner mittelübergewichtigen Gattin. Zur Linken ein erblondeter Jüngling mit einem schweren schwarzen BMW. Mann und Jüngling saugen wie verrückt. Man selbst lehnt auf der Motorhaube und versucht unter den mitleidigen Blicken der mitteldicken Dame, die Schramme auszupolieren. Was die saugenden Nachbarn nicht wissen: Der Wagen ist geliehen. Tage wie diesen braucht kein Mensch.

Viel hat man in den letzten Wochen in Nachrichtenmagazinen, Zeitungen und Foren darüber gelesen, dass Radfahrer und Autofahrer einen erbitterten Krieg ausfechten, den keiner gewinnen kann. Die Deutschen sind Europameister im Fahrradkauf und besitzen fast doppelt so viele Räder wie Autos: über 70 Millionen, eine beängstigende Zahl. Allein in Berlin sind täglich 500.000 Menschen mit dem Rad unterwegs. Autofahrer fühlen sich von dieser Allmacht bedrängt, kämpfen gegen Muttis auf Hollandrädern mit tiefer gelegten Anhängern – gefüllt mit Kindern, die Paul und Otto heißen. Sie kämpfen gegen Menschen auf Liegerädern, gegen rotblinde Kurierfahrer, illegale Fixies, gegen Menschen, die mit Fahrradhelmen an der Supermarktkasse stehen, ach, eigentlich gegen alle erdsauberen Radfahrer, die mit erstarktem ökologischem Rückenwind in ihre geteerten Sphären drängen. Ich stinke nicht, also darf ich. Man bepöbelt und verflucht sich, zeigt Finger und schwingt Fäuste, parkt Radwege zu, nietet Omis um, die sich auf das Schlachtfeld verirren. Drängt Radfahrer ab. Übersieht sie. Bremst sie aus. Öffnet Autotüren wie Fallbeile, Guillotinen der Nachlässigkeit.

Zwischendurch wird zurückgekratzt. Und mit einem Male findet man sich zwischen Jaguar und BMW wieder, wienert wie verrückt und denkt sich seinen Teil. Ja, zugegeben. Kein schlechter Tag, um den einen oder anderen Radfahrer von seiner Gazelle zu treten. Zurücksetzen und langsam über das Vorderrad rollen, bis sich die Speichen in alle Himmelsrichtungen neigen.
Morgen vielleicht. Doch zuerst wird auspoliert.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 17.10.2011