Kommt ’ne Frau ins Teilelager

Kommt ’ne Frau ins Teilelager

Sie sind sehr klein, manchmal sehr alt – und man muss sie jagen. Die Rede ist nicht von fossilen Kakerlaken, sondern von winzigen und wichtigen Ersatzteilen. Wiebke Brauer ist auf der Pirsch

Es macht mich wahnsinnig. Es ist klein und macht mich wahnsinnig. Ich habe keine Zeit für kleine Dinge, die mich wahnsinnig machen. Es heißt Bedienelement der Heizungsanlage und fehlt mir. Da, auf der rechten Seite, ein kleiner schwarzer Regler mit einem weißen Dreieck drauf. Meine Nemesis.
Beim Kauf des Wagens dachte ich noch: „Och, ein Schalter fehlt. Egal.“ Liebe macht blind, und wenn man frisch verknallt ist, ist es unwichtig, dass der andere Boxershorts mit Pinguinen trägt. Oder seine Haare doof kämmt. Aber irgendwann siehst du es. Und irgendwann schaute ich rüber und dachte: „Das mit dem Schalter muss ich mal erledigen.“ Tatsächlich versuchte ich dann, den Schalter gebraucht über ein Forum zu organisieren. Der erste mögliche Verkäufer war nie erreichbar, der zweite wollte ihn nur zusammen mit drei Winterreifen und zwei Pax-Schränken von Ikea verkaufen.
Doch irgendwann war ich soweit. Ich dachte darüber nach, mir einen Therapeuten zu suchen, weil ich Angst hatte, von fremden Menschen angesprochen zu werden, die sich durch den Anblick des unvollkommenen Wagens belästigt fühlen. Nachts träumte ich von Zwergen mit roten Mänteln, die hinter mir hertrippelten und „Schalter! Schalter! Schalter!“ riefen. Das musste aufhören.
Ich gab mir einen Ruck, setzte mich in den SL und begab mich in die Katakomben von Mercedes. Vorher noch kurz gegen die zwei Zentner Frauenverachtung gewappnet, die ich gleich in die Fresse bekommen würde, dann rein da und den Fahrzeugschein auf den Tresen geschlappt. „Ich brauche ein Ersatzteil“, sagte ich zu dem Master of Ersatzteile.
Er warf ein halbes Auge auf meinen Fahrzeugschein und fragte: „Ein BMW?“
Schweigen meinerseits. Nach einer Pause antwortete ich: „Ja, ich fahre immer mit meinem BMW zu Mercedes, wenn mir Teile fehlen. Und ein Bier, bitte.“
Spätestens jetzt hatte ich einen Freund weniger, denn auf schlotzig-ironische Repliken von hochnäsigen SL-Fahrerinnen können Master auf Ersatzteile richtig gut.
Also schnell auf den Boden werfen, weißen Bauch zeigen und leise fiepen. „Wenn Sie so großherzig wären...“ Ich säuselte ausgiebig, bis er seinen Amiga C64 für mich hochfuhr, um den Schalter zu suchen. Eine gefühlte halbe Stunde arbeitete er sich durch Schemazeichnungen, dann hatte er ihn gefunden.
Er: „Ich bestelle den mal“
Ich: „Super, ich freue mich, sie machen mich glücklich, ich bin so froh, darf ich frohlocken, sie umarmen und herzen?“
Ungerührt blickte er wieder auf den Bildschirm.
Er: „Oh“
Ich: „Was denn?“
Er: „Den gibt es nicht mehr. Tut mir leid, nicht mehr lieferbar.“
Es ist meiner guten Erziehung geschuldet, dass ich uns beide nicht sehr unglücklich machte. Ich gebe nicht auf. Morgen fahre ich vielleicht zu BMW.

Autor: Wiebke Brauer