Ist es zu bunt, bist du zu alt

Ist es zu bunt, bist du zu alt

Schöne neue Welt: In einem frisch gebauten Auto blinkt, piept und funzt es, tausend Knöpfe versprechen Komfort, Servilität und Sicherheit. Blöd nur, wenn man die Technik nicht versteht – und lieber einen übersichtlichen Oldtimer fährt.

Ich raffe es einfach nicht. Die Frau aus dem Navigationsgerät brüllt mich an, aber wenn ich an dem Lautstärkeknopf drehe, wird es kälter. Und weil ich außerdem noch mit den zwei Metalllappen da am Lenkrad die Gänge wechseln soll, fahre ich die ganze Zeit im fünften Gang. Aber zumindest könnte ich am Lenkrad den Radiosender wechseln. Das würde ich vielleicht tun, wenn ich nicht Angst hätte, dass ich dabei aus Versehen jemanden anrufe. Vielleicht berühre ich auch unabsichtlich den Regler, der für die Poschi-Kühlung zuständig ist. Oder die Nackenheizung. Vielleicht merkt sich das Auto dann aber auch nur meine Sitzeinstellung. „Warum machst du dir das Lenkrad nicht höher?“ fragt mein Beifahrer, als wir an der Ampel halten. Ich schließe die Augen.
„WEIL ICH ES NICHT…“, pardon, ich wollte nicht brüllen. „Weil ich es nicht kenne.“ Meine Autos können das nicht. Sie haben ein Lenkrad, an dem ist nichts dran, man kann es auch nicht verstellen. Soweit ich weiß. Soll die Rückenlehne weiter nach hinten, drehe ich am Rad. Im wörtlichen Sinne. Der Sitz kann mich nicht massieren, und wenn ich höher thronen will, macht es nicht „bbssssssssssss“, sondern „Katschunkkkk“, weil ich an dem Hebel ziehen und mich samt Sitz nach schräg oben katapultieren muss. Das halte ich für einen ungeheueren Fortschritt, schließlich musste ich in meinem Taunus von 1960 einfach ein Kissen unter meinen werten Hintern stopfen. Und ganz ehrlich? Ging auch.
Vor zwei Wochen saß ich in einem wunderschönen Opel Kadett B von 1966. Ein cremefarbener Traum, schwarzes Leder, ein paar Knöpfe. Und was war? Nichts war. Ein Blick genügte, und der Wagen hatte sich mir erschlossen. Und jetzt verzweifle ich an einem Neuwagen. Er macht mich alt, ich bin alt, ich verstehe ihn nicht. Ich komme mir vor wie eine Omi, die „früher war alles besser“ krächzt. Aber das stimmt nicht! Mein iPhone ist mein Fetisch, ich mag Farbfernsehen. Ich mache Online-Banking, anstatt mit dem Filzi Überweisungen auszufüllen und halte Twittern nicht für eine neue sexuelle Spielart. Und ja, ich weiß sogar, was RTFM bedeutet. „Read the fucking manual.“ Aber ich käme nicht im Traum darauf, für ein Auto erst einmal die Bedienungsanleitung zu lesen. Es soll mir dienen.
Aber erstmal bin ich, haha, nur bedient. Ich steige aus dem Wagen, nehme die Karte mit, weil der Autoschlüssel zu der Gattung der aussterbenden Objekte gehört und entferne mich langsam. Der wird sich ja wohl von alleine abschließen, denke ich. Aber der Wagen gähnt mich an wie ein offenes Grab und denkt nicht im Traum daran, sich zu verriegeln. Fünf Minuten lang krieche ich um und in dem Wagen herum, gebe recht vulgäre Begriffe von mir, dann habe ich den Dreh raus. Man drückt auf den winzigen schwarzen Knopf am Türöffner.
Nennt mich Omi, I don’t care. Früher war doch alles besser.

Autor: Wiebke Brauer