Isch liebe dein Auto

Isch liebe dein Auto

Natürlich fahren wir die wundervollen Autos nur zu unserer persönlichen Belustigung. Aber manchmal, so findet Wiebke Brauer, ist es auch ganz schön, seinen Wagen einfach von anderen bewundern zu lassen.

„Ey, geile Karre!“ Sie waren jung, sie waren türkisch, und die Karre war in der Tat geil. Ein Pornomobil aus der Güteklasse Z wie Zuhälter. Oder anders gesagt, ein Audi TTS mit 272 PS, von außen so rot wie der Nagellack „Fever Passion“ von Schlecker für 1,49 Euro. Das Interieur schimmert in Lack und Leder, der Sportsitz seufzt leise, wenn ich in ihn hineingleite. In die Musikanlage könnte ich drei Tage lang CDs nonstop reinstopfen und damit eine Großraumdiskothek in Hamburg Wentorf beschallen, wenn es mir danach gelüstete. Und im ganzen Wagen Knöpfe ohne Ende und ohne Sinn. Aber sie leuchten alle. Genauso wie meine Augen, wenn ich ihn fahre.
Natürlich gehört er mir nicht. Aber drei Tage lang verrate ich für den roten Hobel meinen alten Mercedes, fahre nonstop auf 6000 Umdrehungen, lasse Reifen quietschen und verheize jeden anderen an der Ampel, ob Ford Fiesta oder Porsche, das ist dann auch egal. Muss auch mal sein. Außerdem freue ich mich über meinen neuen Fanclub: Dazu gehört obligatorisch wieder die Baubranche, auf die Jungs ist echt Verlass, muss ich sagen. Diesmal neu in der Riege: Dunkelhaarige Fahrer von weißen Transportern, umgangsprachlich „Gemüsetürken“ genannt. Mit der Handwerksbranche kenne ich mich jetzt auch gut aus, die fahren ja immer zu zweit im Pritschenwagen, hat man immer gleich zwei Jungs zum Zurückwinken. Klempner sind eher zögerlich, beim Innenausbau läuft schon mehr. Der Rest der Stadt frönt der hanseatischen Ignoranz. Aber ab morgen ist der pornöse Spaß vorbei, und ich schuckel wieder mit dem Alten durch die Gegend. Und zehre mit ihm zusammen von einem Erlebnis, das mir im Urlaub widerfuhr:
Ich stehe mit dem Mercedes in Dänemarks Einöde vor einem Strandkøbmand, hinter mir hält ein älteres dänisches Ehepaar. Der Mann steigt aus, feines weißes Haar fliegt im Sommerwind. Er geht um meinen Wagen herum, betrachtet ihn von vorne, von hinten. Er blickt durch das Seitenfenster in den Innenraum, geht noch einmal herum. Während der ganzen Zeit sagt er kein Wort. Wahrscheinlich spricht er nur dänisch. Nach seiner dritten Runde um den Wagen schaut er mir in die Augen und streicht leicht über den Chrom. Wir lächeln uns an. Manchmal muss man eben auch nichts sagen.