In einer autofreien Welt...

In einer autofreien Welt...

Wie sähe ein Leben ohne Fahrzeuge aus? Was wäre, wenn wir morgens aufwachten und keine Maschinen und Motoren mehr existierten? Wiebke Brauer über ein Parallel-Universum namens Juist und den letzten wahren Benzinkopf auf dieser Ostfriesischen Insel

Irgendetwas stimmt nicht an diesem Morgen. Du machst ein Auge auf und fragst Dich, was es sein könnte, was Dich geweckt hat. Sitzt ein Alien im Kühlschrank und macht „Zoool“? Nein. Bist Du wieder neun Jahre alt und musst gleich zur Schule? Nein, es ist etwas völlig anderes, es ist das fehlende Grundrauschen der Verbrennungsmotoren, das Dich über Jahre durch den Alltag wiegt. Es existiert an diesem Morgen nicht, weil Du Dich in einer Welt ohne Autos befindest. Keine quietschenden Reifen, kein Hupen, noch nicht einmal das Anlassergeräusch „mjamjamjamjambröngggg“ eines altersschwachen Vehikels. Nichts. Stille. Du stehst auf, fühlst Dich ein bisschen tumb und taub, taumelst ins Bad, an die Kaffeetasse und später nach draußen an die zum Verrücktwerden frische Luft. Du stehst auf dem Bürgersteig und blickst auf den Asphalt zu Deinen Füßen. Unbenutzt sieht er aus.

Hufgeklapper kommt die Straße hinaufgetönt, ein Pferdegespann nähert sich. Die Viecher schnaufen und schütteln sich im Geschirr, ein Kutscher sitzt vorne und schnalzt den schweren Zugpferden zu, sie ziehen einen Müllwagen. Ja, Du hast richtig gesehen und gehört. Der Wagen ist orange, zwei runde Luken sind darin, durch die der Abfall geschüttet wird, wie es sich gehört. Du denkst an den Film „Zurück in die Zukunft“, fühlst Dich wie ein längst vergangenes Jahrhundert zurückversetzt und verdrängst den aufkeimenden Gedanken an einen gewissen DeLorean.

Du gehst die Straße entlang und sinnierst dabei über berittene Polizei und über Ärzte, die sich nachts mit ihrer Ledertasche auf einen Gaul schwingen und lospreschen, um zu einem Notfall zu gelangen. Es gibt keine Staus, keine Tankstellen, keine Kfz-Werkstätten. Auf den Autobahnen bricht sich das Unkraut bahn, Ackerwinde und Giersch begrünen den berstenden Teer, die Leitplanken überwuchern mit zarten Birken und Ausdauerndem Silberblatt. An den Tankstellen werden Pferde getränkt und bei Pit-Stop die Hufe neu beschlagen. Keine Formel 1 und kein Ferrari. Naja, mittelgroßer Verlust. Du gehst weiter, an Familien vorbei, die sich darüber freuen, wie verdammt sauber die Luft ist. Sie latschen quer über die Straße, werden von Rentnern auf Fahrrädern mit einem penetranten Dauerklingeln verscheucht, man bepöbelt sich. Manche Dinge ändern sich nie.

Plötzlich hältst Du an. Ein Junge sitzt am Straßenrand, in kurzer Hose und Ringelshirt, wahrscheinlich heißt er Lennart oder Jonathan, denn so heißen sie alle. Er hält ein winziges Spielzeugauto in der Hand, mit dem er durch die Luft fährt, imaginäre Nordschleifen und Nürburgringe. Er macht ein Geräusch, selbstvergessen, versponnen in seiner Welt.

„Brmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm.“ Dann blickt er auf. Und grinst.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 04.07.2011