Ich! Will! Frühling!

Ich! Will! Frühling!

Autofahren im Winter? Das Grauen. Besonders für Oldtimer-Fans, weil die Goldstücke in der Garage bleiben müssen – aber nicht nur deswegen. Diese Jahreszeit bringt das Schlechteste im Verkehrsteilnehmer hervor. Findet zumindest Wiebke Brauer.

Ich unterscheide nicht zwischen Sommer, Herbst und Winter. Meine Jahreszeiten heißen Oxidation, Korrosion – und Frohsinn, sprich trockenes Wetter. Und wenn es wirklich nach Rost und Moos aussieht, fahre ich Rad, Muttis Golf oder öffentliche Verkehrsmittel. Letzteres aber nur unter Androhung von Schweißarbeiten an tragenden Teilen. Doch jedes Jahr muss ich mich darüber wundern, wie der Bundesbürger mit der Jahreszeit Winter umgeht. Fängt es an zu schneien und fallen die Temperaturen unter fünf Grad, wird in den Medien der Kriegszustand ausgerufen. Antarktis! Sibirien! Kältetod! Wahr ist: Heizungen fallen aus, Schulen werden geschlossen, man denkt über Gaspreise und Heizkostennachzahlungen nach. Unwahr ist: Das gab es ja noch nie. Trotzdem werden Schnee und niedrige Temperaturen wie nie da gewesene Phänomene gehandelt. Und genauso verhalten sich auch die Autofahrer. Menschen fahren laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangsam. Das ist grundsätzlich in Ordnung, wenn Gefahr droht, Bälle auf die Straße kullern, Hunde ausbüxen oder Omis auf die Straße wandern, weil es ihnen in dem Alter ja zusteht. Oder so. Aber doch nicht bei gestreuten und trockenen Straßen in einer gewissen Metropole im Norden, in der es vor zwei Tagen mal geschnieselt hat! Plötzlich tun sich überall rollende Straßensperren auf, die es bevorzugen, nicht in der Spur zu fahren (könnte ja glatt sein) und an Ampeln nicht loszufahren (könnte ja rutschen). Und spätestens dann denke ich: Ich möchte nicht hier sein. Ich will hier weg. Ganz weit weg.
Aber nein, ruhig, Brauner. Ich habe ja eine stille Vorfreude. Denn da wartet noch einer im Dunklen auf mich, und der hat erst im Frühling Saison. Ein flacher, schwarzer, schneller, offener, warmes Wetter versprechender Wagen mit einem Leder so rot wie gut temperierter Wein aus Frankreich. Und im März, wenn er aus dem Winterschlaf erwacht wie ein langsames und schwerfälliges Tier, werde ich meine Nase auf das Leder drücken und mir zwei schwarze Ölstreifen auf die Wange malen. Dann drehe ich den Schlüssel, der Motor erwacht, und ich werde mit Rückenwind in die Sonne fahren.
Bis dahin male ich wie ein Knasti Striche an die Garagenwand. Bis März sind es noch mächtig viele Striche. Aber ich kann warten.