Guten Rutsch 1976!

Guten Rutsch 1976!


Freies Fahren

Heute haben wir ja alles. Antiblockiersystem. Bremsassistent. Hill Holder. Antischlupfregelung. Elektronisches Stabilitätsprogramm, gern auch adaptiv. Nur etwas Bestimmtes fehlt in dieser Zeit. Zum Beispiel dauerhaftes Schneegestöber und Glatteis. Verkehrte Welt.

Früher war das anders. Da hatten wir Winter, so streng wie Lehrer Lempel und so weiß wie Clementine’s Lieblingswaschmittel. Und Heckantrieb. Ehrlichen, urwüchsigen Heckantrieb, gern genommen mit Starrachse und Blattfeder. Wenige verblendete Hersteller hatten sich vorübergehend in die Niederungen des fahrerisch anspruchslosen Frontantriebs verfahren, alle jedoch folgten 1976 dem Ruf der ADAC Motorwelt ins verschneite Engading: Gib Gas oder fahr aus dem Weg! Dort mühten sich VW Käfer und Golf, Audi 100 und BMW 518, Opel Rekord und Ford Taunus sowie zwei Mercedes 280 SE, ein Fiat 131, eine Alfetta, ein Renault 4, Citroën GS Club und CX, Peugeot 504 und und und. Die unbestechlichen Tester schwitzten beim Be- und Entladen der Testfahrzeuge, um anschließend kühl die Ergebnisse zu verkünden.

Um es kurz zu machen: Ein Auto fuhr auf ebener Strecke, beladen und unbeladen, in der Kurve und bergauf allen anderen davon. Die Alfetta. Dank ihres gewichtsmäßig vorteilhaften Transaxle-Prinzips kraxelte sie dort mühelos weiter, wo Taunus und 504 längst quer standen, die S-Klasse mit Schaltgetriebe (die mit Automatic zog unbeeindruckt davon) sich eingegraben hatte und das Heck des Toyota Corolla keck aus dem Graben ragte.

Weitere Autos, die problemlos durch dick und dünn mit ihren Insassen fuhren, waren der kurz vor der Ablösung stehende Audi 100 C1, der sänftenhafte Citroën CX und – der Frischluftfreund Fiat X1/9. Prima Sache das mit dem kleinen Fiat: Bei Kaiserwetter das Targadach herausgenommen und in den klaren Alpenhimmel geschaut, die Skier über die Dachholme geschnallt und frische Bergluft eingeatmet. Gleich zwei Italiener mit besten Winterfahreigenschaften – Ein Schelm übrigens, der die Akribie der italienischen Fahrwerks- und Antriebsingenieure in deren Angst vor Blechsubstanz-gefährdendem Streusalz-Einsatz  begründet sah ...

Endlich, im Frühjahr 2009, scheint der weiße Winter wieder Station bei uns zu machen. Er ist uns fremd geworden, nicht nur ob seiner Seltenheit. Sehnlich warte ich auf denjenigen, der in den Zeiten von ABS und ESP endlich auch wieder GGF und FVM einsetzt – den Gefühlvollen Gas-Fuß und Fahrvermögen. Ich werde das mal testen und über Ergebnisse berichten. Übernächste Woche in den Alpen mit meinen drei Freunden VW K 70, Schneeketten und Spikes. Das war damals fast so vernünftig und sissyhaft wie heutzutage ein mit Elektronik vollgestopfter Passat. Nur gut, dass ich zur Wahrung meiner journalistischen Glaubwürdigkeit noch meine alte S-Klasse habe: Automatic, Heckantrieb, Sommerreifen. Und ABS. Gottlob defekt.