Grippe Gerippe

Grippe Gerippe

Schweinepest, Piratenpack, Automarkensterben und Bürgerkrieg: Wiebke Brauer schleppt sich durch den Tag – und hat noch immer von den ganzen schlechten Nachrichten die Nase voll.

Pontiac ist tot. Chrysler ist tot. Porsche fühlt sich auch schon ganz schlecht. Und ich mich auch. Ganz ehrlich? Wie soll man denn bitte bei dieser Misere noch einen ganzen Tag überstehen? Ich rolle mich morgens aus dem Bett. Espressomaschine auf den Herd stellen. Den Espresso habe ich bei Lidl gekauft. Lidl ist böse, beutet und spioniert seine Mitarbeiter aus. Und der Espresso ist das Gegenteil von Fair Trade – der war nur billig, mehr kann der nicht. Ich fühle mich schon ein bisschen mies und schalte das Radio an. Kriege, Monstren, Meuterei! Ich sage nur: Suizid-Inferno!
Dass Klinsmann gefeuert ist, bleibt um fünf nach acht noch die beste Nachricht. Das liegt aber nur daran, dass es um Fußball geht und ich mich freue, einen Namen zuordnen zu können. Das wertet mich irgendwie auf. Über den entführten Tanker, die entführte Familie, den Krieg in Afghanistan und die Opelkrise versuche ich hinwegzuhören. Klappt nicht so gut, also ab ins Bad. Dort wird Wasser verbraucht (natürlich zuviel, miese Ökobilanz), und danach werfe ich mich in Klamotten, die von blutigen Kinderhänden in schmutzverkrusteten und zugigen Fabrikhallen geklöppelt wurden. Wenn sie denn überhaupt noch Hände hatten. Einigermaßen niedergeschlagen schleppe ich mich in meine Garage und steige in ein Auto, was gefühlt 25 Liter Sprit säuft. Was der Wagen wirklich braucht, weiß ich bis heute nicht. Aus irgendwelchen Gründen komme ich bei jeder Fahrt auf diesen komischen Knopf, der den Meilenstand auf Null setzt. Oooops, schon wieder, na ja, kann man nichts machen. Ich fahre die drei Meter zum Büro und lese den ganzen Tag böse Schlagzeilen, wenn ich nicht gerade zusammenzucke, weil das Telefon klingelt. Erstens klingelt es nicht mehr so häufig, weil ja Krise ist. Und zweitens denke ich sofort darüber nach, ob es nicht vielleicht mein Boss ist, der mich kündigt, weil wir ja Krise haben. Abends fahre ich wieder die drei Meter nach Hause (immer noch böse), setze mich auf ein von schwedischen Kindern zusammen gezimmertes Sofa (böse), esse wieder was von Lidl (auch böse), und schaue Nachrichten. (Sehr deprimierend).
Vielleicht sollte ich in den Urlaub fahren. Ach ne, da war was mit CO2-Footprint, Urlaub war auch böse. Oder ich erschieße mich einfach. Ne, das geht ja auch nicht, ich mich dann zu Sondermüll verwandle, und der ist auch böse.

Seit gestern bin ich ein bisschen fröhlicher. Die Schweinegrippe grassiert – und es war mir völlig egal. Ich fühle mich eh schon mies, da kommt es auf die Pest auch nicht mehr an. Ich glaube, man nennt den Prozess „Abstumpfung“. War das nicht irgendwie auch was Schlechtes? Mir doch Latte.
Ab morgen fange ich wieder an, Benzin zu sniffen.