Goodwood Revival 2008

Goodwood Revival 2008

Dieser Termin ist in britischen Terminkalendern neben dem Pferderennen in Ascot und der Geburtstagsparade der Queen längst als „must“ etabliert: Das Goodwood Revival – ein großes, kultiviertes Happening, bei dem auch Autorennen stattfinden. In diesem Jahr feierte das Revival nun sein zehnjähriges Bestehen – und wieder strömten mehr als 100.000 gutgelaunte Besucher zusammen.

Es begann auf den Parkplätzen. Da stand eine rostige Wellblechente drei Meter neben einem blitzenden 300 SL Roadster. Der rote Scheibenaufkleber wies die Besitzer beider Fahrzeuge als Mitglieder des klassenlosen Goodwood Road Racing Clubs aus.

Überhaupt waren die ausgewiesenen „pre 66“-Parkplätze ein Oldtimertreffen für sich, neben dem jedes deutsche Klassikertreffen verblasste. Da reihten sich seltenste Rolls-Royce Sonderkarosserien der fünfziger Jahre an Sportwagen-Raritäten wie Bristol, Gordon Keeble, BMW 507 oder kuriosen Dreiradfahrzeugen. Neben einem mächtigen 4.5 Liter Blower Bentley duckte sich ein 73er Porsche Carrera RS fast ängstlich im Gras.

Ausgewiesenes Mitglied im Goodwood Road Racing Club: 2 CV

Allgegenwärtig waren die Picknickdecken auf denen sich feingliedrige Damen mit Hütchen niedergelassen hatten, während der Gatte mit hellem Panamahut und Blazer Champagner und Fingerfood dem geflochtenen Harrods-Bastkoffer entnahm. Es gibt Familien, die sich hier seit Jahren treffen – ohne je eines der Autorennen gesehen zu haben. Einfach der Atmosphäre wegen. Morgens flogen die Hubschrauber des Londoner Establishments im Minutentakt ein und das Flugplatzgelände erweckt schnell den Eindruck einer Luftfahrtmesse.

In diesem Jahr standen in den drei Tagen 15 Rennen auf dem Programm. Alte Haudegen hatten dabei Gelegenheit, sich mit erstaunlich talentierten Yuppies und vermögenden Privatiers zu messen. Mit etwas Glück und Geduld konnte man Autogramme von gutgelaunten Rennfahrerlegenden wie Stirling Moss, Emerson Fittipaldi, Rauno Aaltonen, Jackie Stewart, Jochen Mass, dem fünfmaligen Le Mans-Gewinner Derek Bell, Brian Redman oder den Herrenfahrern David Piper und Nick Mason (dem ex-Pink Floyd-Schlagzeuger) ergattern.

Lediglich der mittlerweile zum Goodwood-Inventar gehörende Racer und Komiker Rowan Atkinson („Mr. Bean“) zickte nach wenigen Autogrammen, was ein enttäuschtes Kind mit „He is only funny on TV“ kommentierte.

Schlecht gelaunter Komiker: Rowan Atkinson („Mr. Bean“) mit Bodyguard

Die Magie des Goodwood Revival generiert sich aus dem konsequent nostalgischen Stil und der aristokratisch-britischen Mentalität. Jeder ist ein Sir oder eine Madam, denn als passend gekleideter Besucher ist man automatisch ein Teil des Goodwood-Revival. Hinzu kommt, dass die wenigen Schranken eine ungeahnte Nähe erlauben.

Perfektly dressed: Besucherpaar beim Goodwood Revival

Es gibt zwei Fahrerlager: Eines steht jedermann offen, im anderen haben nur Club-Mitglieder mit Sakko und Krawatte Zutritt. In beiden Fahrerlagern gilt: Ein Jeder kann die Fahrzeuge unter die Lupe nehmen – egal ob Austin A35 oder Ferrari 250 GTO. Denn in Goodwood wird ein ungeschriebenes Gentleman´s Agreement zwischen Teams und Besuchern praktiziert: Jeder darf hautnah an jedes Auto herantreten, einzige Bedingung: niemand fasst etwas an. Das funktioniert seit zehn Jahren prächtig und ermöglicht wunderbare Begegnungen.

Hautnah dabei: Hektik im Fahrerlager

Da war die im 70er Jahre Stil miniberockte junge Besucherin, die den Mechanikern eines Jaguar MK II beim Zylinderkopfdichtungswechsel mal eben die Steuerkette hielt. Oder der Driver Ernest  Nagamatsu, der jedes Kind in seinen Old Yeller II sitzen ließ und es anschließend noch mit  Souvenirs wie Mütze mit Autogramm, Anstecker, Bildern und Schokolade beschenkte – zumindest so lange sein Vorrat reichte. Gut gelaunt und sexy: Mrs Nagamatsu mit Old Yeller II

Immer wieder hallte das rhythmische Öffnen von Vergaserbatterien nervöser Rennmotoren durch das Fahrerlager, gelegentlich übertönt vom brüllen der Cobra- oder Corvette Big Block-Sidepipes. Keine Frage, man war mittendrin statt nur dabei.

Goodwood Revival: Das sind auch dutzende von kleinen und großen, liebevoll inszenierten Attraktionen. Halbstarke Rocker auf 500er Norton, eine dicke italienische Mama im Fiat 600 Multipla, ein russischer Agent aus dem kalten Krieg, der einem eine codierte Botschaft in die Hand drückte und sofort wieder in der Menge verschwand, ein antiker Umzugs-Lkw mit ebenso antikem Ladegut sind Beispiele für die vielen kleinen Highlights.

Eine der vielen kleine Attraktionen am Rande: Laurel & Hardy Imitatoren

Ein größeres Highlight war die im architektonisch filmreifer Kulisse ausgestellte „Earls Court Motor Show“, die „The fastest Cars in the World“ ausstellte – Die schnellsten Autos aus ihrer jeweiligen Ära. Die Palette der 28 ausgestellten Fahrzeuge reichte vom Mercedes SSK über Pegaso Z-102, Maserati 5000 GT, Ferrari 250 GTO zu Lamborghini Miura, McLaren F1 und Bugatti Veyron.

Im Freien praktizierten die Engländer den gewohnt lockeren Umgang mit der Geschichte: Ein riesiger Lancaster Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg überflog mit zwei Spitfire Kampfflugzeugen als Begleitschutz das Gelände. Eben diese Bomber legten im 2. Weltkrieg deutsche Städte in Schutt und Asche. Am Sonntag Nachmittag gab es neben den Flugvorführungen der Warbirds ein Flak-Sperrfeuer-Feuerwerk. In einem nachgebauten Military Camp informierten alte Kriegsveteranen Kinder  und Erwachsene über die Funktion eines wassergekühlten Vickers Maschinengewehrs, in einer Paddock Area wurde ein Besucher von einem breitschultrigen Mann in schwarzer SS-Totenkopfuniform empfangen...

Ein großes Highlight waren natürlich die Rennen, bei denen sich zwei Läufe als Publikumsfavorit etabliert haben: Die St. Mary´s Trophy ist eines davon. Hier fahren teilweise Autos, von denen man gar nicht wusste, dass Sie renntauglich gemacht werden können. So rannten in diesem Jahr unter den 31 Fahrzeugen ein Mercedes 220 S Ponton, ein Morris Minor und ein BMW 502 Barockengel mit. Den Vogel unter den Exoten schoss jedoch ein, in Kampforange lackierter, Tatra 603 ab. Dessen luftgekühlter V8 Sound lag noch in der Luft, als die ehemalige Funktionärsschaukel  Wodcote Corner längst hinter sich gelassen hatte. Anfangs belächelt, entpuppte sich der Tatra auf Platz 9 als erstaunlich ernstzunehmender Gegner. Laut, schnell und ungewöhnlich: Tatra 603 Rennwagen

Der zweite Publikumsliebling ist der Lauf „Royal Automobile Club TT Celebration“. Was hier an den Start ging, ist schon fast unglaublich: vier AC Cobras, darunter zwei ultra seltene Le Mans Coupes, vier Aston Martin DB 4 GT und Zagato, acht Ferrari 250, davon drei GTO, der Breadvan, SWB´s , Lusso, 330 LMB, sieben Jaguar E-Typen von Lowdrag bis Lightweight. Dazu Corvetten und Sunbeam Lister. Wer nun denkt, dass dieses 50 Millionen Euro Starterfeld auf Händen um den Ring getragen wurde, der irrt. Zwar fuhren sich die Wagenlenker nicht die Türklinken und Spiegel vorsätzlich ab, aber wer nach dem Rennen die Kampfspuren an den Autos sah, der wusste, dass der Begriff von den Positionskämpfen durchaus wörtlich zu nehmen war.

Jaguar D-Type mit Kampfspuren

Die Frage, wie original sein Auto denn noch sei, beantwortete mir ein Owner mit dem sinnigen Vergleich: „Look Sir, es ist wie eine alte Axt, sie hat den siebten Besitzer und den sechsten Stiel, aber es ist immer noch dieselbe Axt“.

Mit der Siegerehrung durch Lady March endete das diesjährige Revival, das bei Kaiserwetter stattfand und wahrscheinlich einen erneuten Besucherrekord aufgestellt hat.

Lady March mit Pokalen und Preisen kurz vor der Siegerehrung

Eines der kleinen Highlights war ein seltenes Auto, von dem ich hier ein Detailfoto veröffentliche. Wir hatten gefragt: Um welches Auto könnte es sich handeln? Als Preis für denjenigen, der als erstes die Lösung einsandte, gab es ein Autogramm von Jackie Stewart zu gewinnen. Nun ist das Rätsel gelöst...

Schwierige Frage: Anhand dieses Bildes galt es das Auto zu identifizieren.

Der Gewinn: Die Eintrittskarte mit Originalautogramm von Jackie Stewart. Sie geht an B. Schwewe aus Wolfsburg, der die Lösung als Erster einsandte.

Dieses Fahrzeug haben wir gesucht: Ein Tucker Torpedo