Glitzermessen

Glitzermessen


Schlachtbank

Oldtimerfans im ganzen Land freuen sich: Es ist Messezeit! Schon auf der Anfahrt strömen Young- und Oldtimer in Richtung Messegelände, auf dem Parkplatz sieht es aus wie auf einem großen Treffen. So ist man schon bestens gestimmt, wenn man endlich die Hallen betritt und einen dieses geschäftige Summen umfängt.

Ah! Der erste Blick ist gleich ein wundervoller Einstieg: Ganz nah dem Eingang steht ein Jaguar XKSS. Welch traumhafte Assoziationen: Steve McQueen, Le Mans, gewaltiger Motorsound, und auch ein bisschen Brandgeruch: das Feuer im Jaguar-Werk anno 1959, das den Großteil der XKSS-Produktion zerstörte und die verbliebenen Exemplare über Nacht zu Ultra-Raritäten beförderte.

Fünf Schritte weiter der nächste Genuss: Der Rolls-Royce des Maharadscha, ein Traum in Gold und Mahagoni, sensationell, welch Prunk. Und da! Das ist doch – genau, ein Isotta-Fraschini, Italiens feinste Autos, die Marke der Stummfilm-Stars. Daneben ein üppiger 540K von Mercedes, auch schick, und guck mal, noch ein Rolls-Royce, diesmal ein Silver Ghost, nett, ein Aston Martin Zagato … ein Lancia Aurelia B25, zwei Flügeltür-SL (unterdrücktes Gähnen), verschiedene XK-Jaguar und irgendein Ferrari ... wo gibt’s hier ne Bratwurst?

Willkommen zum Overkill 

Es gibt Leute, die sich gern die Sinnesorgane zerschmettern lassen. Die hängen sich beim Rolling Stones-Konzert direkt an die Lautsprecher, saufen Bordeaux aus der Flasche, fressen weiße Trüffel vom Stück und lassen sich von fünf Geishas gleichzeitig massieren. Sie können auch große Oldtimermessen besuchen. Wer den Overkill liebt, ist auf so einer Großmesse daheim.

Aber Normal- menschen, mit gesunden Sinnesorganen? Die müssen sich vom Eingang weg direkt in die Hallen der Clubs verziehen, oder dürfen höchstens noch die Stände der Hersteller besuchen. Dort bekommen Klassiker den Raum, der ihnen gebührt, selbst wenn es ein NSU Prinz ist.

Wer aber unbefangen herumspaziert und in die Bereiche gerät, wo Autos keine Fahrzeuge sondern Wertanlagen sind, wo rote Kordeln und grimmige Anzugträger dem Normalvolk den Zutritt verwehren – eben die Nobelhändler-Bereiche, wo man bei Aperitif und Cräcker sechsstellige Summen aushandelt, wo es keinen Rost, kein Öl und wenig Leben gibt – wer also dort hineingerät, der  darf sich abends nicht über Tinnitus in allen Sinnen wundern. Spätestens wenn man am dritten Lamborghini Miura vorübergeht und nicht mit der Wimper zuckt, sollte man schnellstens zum nächsten Nervenarzt gehen und prüfen lassen, ob man überhaupt noch was spürt. Nirgendwo kann man sich die Freude am Oldtimer besser entzaubern lassen als auf einer großen Glitzermesse.

Die Banalisierung des Außergewöhnlichen

Für mich persönlich ist der Dreiliter-Bentley ungefähr das, was fromme Pilger auf dem Jakobsweg suchen: ein Objekt der Inspiration und Sinnstiftung. So ein Auto transportiert dermaßen viel: den Atem der Zwanziger (die interessanteste Phase des Automobilbaus), eine unvergleichliche Kombination aus Nutzbarkeit und Eigensinn, jeder Dreiliter berichtet von jenem gigantischen Rennen in Le Mans 1925, als Bentley aus dem Nichts siegte … So einem Auto nähere ich mich normalerweise in sieben ehrfurchtsvollen Kreisen, und wenn ich davor stehe, spreche ich leise, damit man mein Schmachten nicht allzu deutlich hört. Einem Dreiliter zu begegnen ist für mich ein Ereignis, ein besonderes Erlebnis.

Auf einer Riesenmesse schlendere ich nichts Böses ahnend um eine Ecke und steh – bamm! vor einem Dreiliter, der sich auf einen viel zu engen Stand zwängt, als Blickfang für eine Kollektion handgenähter Reisekoffer. Ein Bentley als Werbemittel! Das ist wie eine Ohrfeige, als würde ein Fingerfarbenhersteller die Sixtinische Kapelle für eine Produktpräsentation mieten. Profaner geht’s nimmer.

Wo der Bentley zum Mondeo wird 

Jeder hat seine eigenen Zauberautos, vor denen er mit leuchtenden Augen steht, die in ihm tiefe Schichten berühren, egal Bentley oder Lancia, Rolls-Royce oder NSU. Wenn sie aber nebeneinander stehen wie Mondeos vorm Getränkemarkt, wird der Zauber schal.

Wenn ich eine Oldtimer- veranstaltung besuche, dann wünsche ich mir Herzblut, Leidenschaft, Luft zum Atmen. Oldtimer müssen sich entfalten können wie Rotwein im Glas.  Wenn ich Wein kaufe, will ich keinen Weinladen, der zugleich auch Parfüm anbietet, lautstark die Top Five der Hitparaden spielt und an einer Videowand den Sportkanal flimmern lässt.

Danke, nein! Meine Nerven sind noch nicht weggebombt, ich spür noch was. Und das soll auch so bleiben. Und für eine teure Bratwurst muss ich nicht Hunderte von Kilometern anreisen.