Gib ihm Tiernamen!

Gib ihm Tiernamen!

Wiebke Brauer wundert sich: Der Mensch neigt dazu, seinen Oldtimer zu personalisieren. Er nennt ihn Marleen und dichtet ihm Charaktereigenschaften an. Alles Unsinn? Wer weiß.

Mein Brauner fährt besser, nachdem ich ihn geputzt habe. Er ist dann schneller. Und nachdem ich angefangen hatte, nach einem schnellen Zweitwagen zu suchen, rostete er schneller. Aus Rache. Aber das darf ich natürlich nicht laut sagen. Wenn es mir doch mal rausrutscht, werfen mir Menschen scheele Blicke zu und schürzen die Lippen. „Ja, neee, ist richtig, Wiebke. Rost als Rache.“ Ja, ich gebe es zu, ich gehöre auch zur Spezies der Humanisierer. Der Humanisierer ist besessen von dem Gedanken, Gegenstände oder auch Tiere zu beseelen. Nur so ist übrigens der Erfolg von Fernsehserien „Lassie“, „Flipper“ oder „Knight Rider“ zu erklären. Hier wurde genau dieser Trieb befriedigt. Aber das nur nebenbei.
Der Humanisierer spricht mit seiner Espressokanne („Jetzt brodel schon“), mit seinen Pflanzen („Kannst Du vielleicht mal aufhören, deine Blätter zu gilben?“) – und nicht zuletzt mit seinen Autos. („Du willst mir das jetzt nicht wirklich antun. Spring an. Spring bitte an. Danke. Du bist wunderbar.“) Der Geist lebt in der Maschine, und das Auto fährt nicht nur. Es lebt, es atmet und fühlt, es ist brav, es hat seine Macken. Man kennt sich mit der Zeit, wie ein eingespieltes Ehepaar pflegt man seine gegenseitigen Marotten und Spleens.
Es heißt, dass nur Frauen ihren Autos Namen geben, es mit Kissen und Ketten behängen und es unter dem Blech mächtig menscheln lassen. Ich habe das auch einmal angenommen. Dass nur Frauen es tun. Bis ich meinen Ford Taunus 17 mp3 Baujahr 60 in fremde Hände gab. Ich liebte ihn, ich spachtelte ihn – aber schließlich hatte ich die Schnauze voll und vertickte ihn an einen netten jungen Mann. Eine Woche später rief er mich an. „Hallo, da bin ich wieder.“, sagte er. „Weißt Du was? Marleen fährt wie eine eins, ich habe ihr auch eine neue Decke gekauft.“ Ich glaubte mich verhört zu haben. „Bitte wer?“ fragte ich. „Na, Marleen, ich habe sie so genannt.“ Der freundliche junge Mann hatte nicht nur meinen Taunus getauft, den Traum in babyblau mit der Lenkradschaltung und der durchgehenden Sitzbank, er hatte ihn sogar einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Der Taunus war eine Transe.
Ich frage mich seitdem, was er mit dem Wagen macht. Ich denke über Auspuffrohre und Schaltknüppel nach. Nein, ich will es nicht wissen.