Früher war alles besser!

Früher war alles besser!

Früher war mehr Lametta, mehr Sommer und mehr Chrom – sagt sich zumindest der Oldtimer-Liebhaber von heute. Eine ewig gestrige Einstellung? Wahrscheinlich. Aber dafür sind Nostalgiker die glücklicheren Menschen, wie Wiebke Brauer herausfand.

Weißt Du noch? Wir konnten Telefonnummern auswendig. Wir konnten einparken und unangeschnallt bleiben, ohne angepiept zu werden. Im Handschuhfach vermehrten sich die Kassetten wie Mäuse, wir kämpften mit Falk-Plänen, die sich niemals wieder zusammenfalten ließen und nach Jahren einfach in labbrige Segmente zerfielen. Die Führerscheine waren noch weich und die Autoschlüssel keine Plastikklumpen. Die Autos hatten Kanten oder waren sanft geschwungen – nicht so wie heute. Heute sehen die Fahrzeuge so aus, als hätte jemand einen Klumpen Teig auf Rädern auf den Asphalt fallen lassen. Früher legten die Autofahrer hinten Herrenhüte auf die Ablage, Wackeldackel nickten uns zu, man mokierte sich über gehäkelte Klorollen und GTI-Fahrer, anstatt sich vor weißen Transportern zu fürchten. Alles schien so einfach definiert, der Krieg war kalt, der Mercedes hatte eine eingebaute Vorfahrt, und jeder Popel fuhr einen Opel – waren das goldene Zeiten!

Glaubt man verschiedenen Studien und Medien, ist der Nostalgiker der glücklichere Mensch, und Europäer noch einmal mehr. Grund: Wir sind „memory-driven“, das meinen zumindest die Autoren Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler. So widmen Europäer knapp die Hälfte ihres Denkens der Vergangenheit. Amerikaner seien dagegen „dream-driven“, zwei Drittel ihrer Gedanken kreisten um die Zukunft. Asiaten tendierten wiederum zum Jetzt-Denken. Aber zum „alten Europa“ zu gehören, darauf sind wir ja sowieso stolz, seit der US-amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld diesen Begriff prägte.

Was das retrospektive Glück angeht, so schrieb Jochen Gebauer, Nostalgieforscher an der Southampton University: „Offenbar stellt die Nostalgie eine spezifische Form der autobiografischen Erinnerung dar.“ Die typischen Merkmale nostalgischer Erinnerungen seien positiv, biografisch und beziehungsorientiert. Kurz gesagt: Wer meint, dass früher alles besser war, ist ein Glückspilz. Spinnt man diesen Gedanken weiter, gehört der Oldtimer-Liebhaber zur zufriedensten Gattung. Er hütet das Gestrige wie den heiligen Gral, wabert in seiner schillernden Erinnerungsblase durch die Post-Moderne und freut sich wie ein Honigkuchenpferd darüber. Haben wir doch schon immer gewusst. Darauf ein Bier. Sehr zum Wohle.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 12.09.2011

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