Freud am Fahren

Freud am Fahren

Zu alt, zu teuer, zu unpraktisch: Eigentlich hat jeder Oldtimer-Besitzer nicht mehr alle Latten am Zaun. Wie gut, dass man sich heutzutage professionelle Hilfe holen kann. Wiebke Brauer legte sich auf die Couch. Protokoll der 68. Therapiesitzung – ohne Aussicht auf Erfolg.

Therapeut: Wie geht es Ihnen heute?
Patientin: Fein. War ein schöner Tag.
Therapeut: Warum?
Patientin: Ich bin Auto gefahren. Die Sonne schien, der Motor lief rund, und die Straße war frei.
Therapeut: Wohin sind Sie denn gefahren?
Patientin: Ich habe einfach nur den Wagen bewegt.
Therapeut: Interessant. Hysterische Schizophrenie mit desorientiertem Tonus. War Ihre Kindheit auch von derart ziellosen Fahrten geprägt? Vielleicht mit ihrer Mutter?
Patientin: Kann man so nicht sagen, da sind wir meist zum Einkaufen gefahren. Allerdings hatte meine Mutter sehr viele Regenschirme in ihrem Wagen. Das irritiert mich bis heute.
Therapeut: Die Katastrophe lauert immer im Alltag. Sie erwähnten neulich, dass Sie bei Regen Angst um ihre Autos hätten.
Patientin: Was hat denn das mit meiner Mutter zu tun?
Therapeut: Wir nennen das Übertragung. Ihre Mutter hat Ihnen die Furcht vor dem Nasswerden vermacht, und Sie – darüber sprachen wir ja bereits – sind nicht bereit, sich Ihren Ängsten zu stellen. Also übertragen Sie Ihre Sorgen auf Ihre Autos. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie alte Autos bevorzugen?
Patientin: Naja, ich fühle mich in ihnen einfach besser.
Therapeut: Erzählen Sie mir davon.
Patientin: Schauen Sie sich die Welt doch an. Erdbeben erschüttern den Planeten, Zimmermädchen werden angefallen, vernunftbegabte Menschen kaufen sich einen Dacia Duster – und finden es toll. Aber in meinem Auto habe ich das Gefühl, dass die Welt noch in Ordnung ist.
Therapeut: Das ist es ja, Sie schaffen sich Ihre eigene Welt: klassische Formen, Originalteile, beständige Werte. Sie fühlen sich in der Vergangenheit geborgen, weil alles Neue bedrohlich ist.
Patientin: Wie kommen Sie denn auf die Idee? Ich habe ein iPhone 4, 139 Freunde auf Facebook und trage modische Hosen. Ich fuhr den fabrikneuen Scirocco, den Bentley Continental GT, den Mini Clubman – alles super Autos. Nur besitzen möchte ich sie nicht unbedingt.
Therapeut: Ich sagte ja, Sie sind nicht bereit, sich ihren Ängsten zu stellen.
Patientin: Soll ich mir jetzt etwa für meine geistige Gesundheit einen A1 kaufen?
Therapeut: Nein. Kaufen Sie Ihrer Mutter einen Regenschirm.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 23.05.2011