Frau von Auto versklavt!

Frau von Auto versklavt!

Von wegen Herr der Straße. Immer öfter übernimmt das Kraftfahrzeug die Befehlsgewalt über den Menschen. Und das Schlimme daran: Wir merken es noch nicht einmal! Auch Wiebke Brauer wurde unterjocht – und macht sich nun Gedanken über Freiheit und Leibeigenschaft

Ich benutze mein Auto. Ich fahre, wenn ich es wünsche, ich stelle es ab, wo ich will, tanke, wenn mir danach ist. Kurz gesagt, ich sitze am Steuer. Mein Auto ist mir treu ergeben, es dient mir untertänig. Dachte ich.
Es begab sich heute Morgen, als ich in meinem wunderschönen maronenbraunen 123er-Coupé saß und gen Norden in Richtung Heide fuhr. Da beschlich mich eine Ahnung. Ich fuhr nämlich keineswegs Auto, um nach Heide zu kommen. Eigentlich passte es mir überhaupt nicht, irgendwohin fahren zu müssen. Eigentlich hätte ich nämlich am Schreibtisch sitzen müssen, um Geld für die nächste Benzinfüllung zu verdienen. Aber das ging nicht. Ich war an das Gaspedal gekettet. Ich konnte nicht anhalten und einfach gehen.
Warum? Weil die Batterie zu laden wünschte. Die war leer, machte keinen Mucks mehr, also überbrücken, ab auf die Straße und fahren. Langsam wie Öl in Grundwasser sickerte bei mir der Gedanke ein, dass ich nicht Fahrzeughalter war. Mein Fahrzeug hielt mich. Es schickte mich über die Autobahn, weil es ihm beliebte – nicht etwa mir. Und es war nicht das erste Mal, dass ich benutzt wurde.
Und wie oft im Leben hatte ich den Wagen stehen lassen, weil der Parkplatz so weltbest war? Nein, den bewegen wir jetzt mal nicht, der steht so gut. Ach, der rostet, mal eine Garage anmieten. Nein, jetzt nicht pünktlich kommen, die Karosse möchte erst betankt zu werden. Nein, es gibt keine neue Jacke, ab zum Sattler, ein Verdeck muss her. Und wo ist mein freier Wille? Dahin, ausgebremst und überrollt! Ich bin die Sklavin meines Wagens, ich lebe in automobiler Knechtschaft, mein Motor unterdrückt mich! Schluchzend brach ich am Steuer zusammen – so etwa bei Elmshorn. Dabei hatte ich mich immer so unabhängig gefühlt, ein Asphaltcowboy ohne Limit, so zügellos, so autonom, so frei wie ein Vogel. Ein Vogel im Faradayschen Käfig.
Aber ich bin nicht allein. Eben stand ich am Fenster und blickte eine Weile auf die Straße hinaus. Ich sah Hunderte von Menschen vorbeiziehen, die in ihre Karossen gepfercht waren, Gurte lagen eng über der Brust, die Hände an das Lenkrad gezwungen. Da auf der Hauptverkehrsstraße lag die Wahrheit wie ein ungeliebter Winterreifen vor mir: Die Autos haben die Weltherrschaft übernommen. Sie sind überall. Sie haben die Macht über uns.
Aber jetzt weiß ich Bescheid. Ich werde eine Gegenbewegung im Untergrund ins Leben rufen und nachts Plakate mit der Aufschrift „Freiheit für die Autofahrer“ an alle Autohäuser, Tankstellen und Garagenmauern kleben. Voll guerillamäßig.
Dafür nehme ich aber den Mercedes. Alles andere wäre ja unbequem.