Forever Chrom

Forever Chrom

Blitzendes Metall, schimmernder Lack – fiese Falten und Anti-Aging-Verputz: Wie passen die Liebe zum Oldtimer und der Jugendwahn von heute zusammen? Wiebke Brauer hat wie immer eine sinnige Antwort auf diese Frage

Alt, ich? Aber nicht doch. Ich fühle mich wie eine 20jährige, gefangen im Körper einer Enddreißigerin. Ich onduliere mir das Haar zu adoleszenten Frisuren, meine Religion heißt Mac, meine Gefühle sind EMOs – ich mache fast jeden pubertären Mist mit.

Nur beim Fahrzeug hört der Jugendwahn auf. Meine BMW feiert dieses Jahr 40sten Geburtstag, die Sterne werden 25 und 29 Jahre alt. Ein neues Auto kommt mir nicht ins Haus – höchstens als Fünftfahrzeug, und dann darf es auch nicht einmal nach Retro riechen. Der neue Mini fährt sich gut, der wieder aufgelegte Fiat 500 ist zugegeben süüüß, aber damit hört es schon auf. Schließlich will ich das echte alt, ich will Schmuddel, Rott und Ranz. Ich bin doch keine Nostalgikerin – wie uncool.

Wobei man festhalten muss, dass ich nicht ewig gestrig bin, aber hartnäckig rückwärtsgewandt. Denn der Faible für’s Vergangene macht auch vor anderen Bereichen meines Lebens keinen Halt:
Lady Gaga muss nicht sein, ich wünsche mir Jimi Hendrix zurück. Dass ich jedoch auch Bands wie „The XX“ höre, das wollen wir hier nicht weiter kommentieren, das bringt nur Unordnung in meine fein gemeißelte Beweisführung und mich auf den Gedanken, dass die Mitglieder dieser Band geboren wurden, als ich schon fröhlich Männer verschliss und Sangria aus Pappkartons soff.

Seit ich es mir leisten kann, einen eleganten Bogen um ein gewisses schwedisches Möbelhaus zu machen, gehen Klippan, Lämplig, Burken und Helsingör den Weg alles Weltlichen. Dafür schleichen sich Einrichtungsgegenstände an meine vier Wände, die eindeutig das Rentenalter überschritten haben. Das ist doch antik, das wollte ich nie! Zu spät, mein Motto heißt nicht „Blick zurück im Zorn“, sondern „Blick zurück und kauf’ es Dir“.

Was ist die Motivation hinter diesem Wahn? Vielleicht ist mein Mercedes 380 SL mein Bildnis des Dorian Gray, ein unverwüstliches Kunstwerk, während ich in sudeliger Verdorbenheit verfalle. Vielleicht ist es aber auch nur meine Liebe zu schönen Dingen, die mit Ruhe und Sorgfalt gefertigt wurden – oder schlicht die Überzeugung, sich inmitten von steinstaubigen Gegenständen jünger zu fühlen.
Vielleicht steht aber die Gewissheit, dass die wirklich schönen Dinge im Leben kein Alter haben. (Was für ein göttlicher und wunderbarer Zufall! Gerade zeigt ein großer Neonpfeil auf mich!) Wenn ich es mir recht überlege, werden sie sogar noch attraktiver mit den Jahren. Kein Zahn der Zeit nagt an ihnen, ewiglich schimmert der Glanz des geilen Gesterns. Schön wie nie, treu wie Gold, teuer wie Sau.

Hach, jetzt ist mir ganz elegisch zumute. Ein feiner Moment, um mich polieren zu gehen.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 20.05.2010