Fast & Furious

Fast & Furious

Mit dem Fahrstil ist es so eine Sache, findet Wiebke Brauer. Eigentlich hat man ja als Oldtimerfahrer einen Ruf zu wahren. Wenn da nicht diese Anfälle von Road Rage wären.

Ich persönlich fahre ja total super. Immer schön zügig, immer geschmeidig, immer im Fluss. Ich behindere niemanden, ich komme zackig von der Ampel weg, ich mäandere einfach von A nach B. Total entspannt in meiner schicken Karre. Eigentlich.
Wenn ich nicht gerade schlechte Laune habe. Oder von der Arbeit komme. Oder von einem Besuch bei meiner Mutter, die mich mal wieder dazu brachte, ungefähr sechsunddreißigmal in zwei Stunden „mhm“ zu sagen, obwohl es diesmal ganz anders laufen sollte. Oder wenn ich während einer unsäglichen Nachmittagskonferenz zuviel Schokolade in mich reingestopft habe. Dann fahre ich nämlich wie eine Sau. Mein Wagen ist mein Katalysator, das Gaspedal das Ventil meiner Befindlichkeiten. Und alle anderen Verkehrsteilnehmer müssen leiden. Mitfahrer schnallen sich an und beginnen sich zu fürchten. Hanseatische Gelassenheit in besternten Limousinen? Relaxtes Cruisen in edlem Oldtimer? Kannste vergessen. Wenn mich die Road Rage befällt, sind alle meine Feinde, und ich bremse nur zum Kotzen, wie es so schön heißt. Dann wird jeder Golf verheizt und jeder Audi versägt, als ob es kein Morgen gäbe. Und weil weder das eine noch das andere mit meiner 123er-Kiste funktioniert, steigert sich meine schlechte Laune polymorph ins Perverse. Dann bringe ich harmlose Fußgänger dazu, sich mit einem Sprint auf den Bürgersteig zu retten, schneide arglose Hausfrauen in ihrem Kangoo, bremse testosteronsprühende Mini-Fahrer aus und beschimpfe andere Verkehrsteilnehmer aufs Ordinärste. Chemical Brothers auf höchster Lautstärke? Da brülle ich locker gegenan. Die Wut muss raus und mein Benz ist mein Werkzeug, die Apokalypse naht. Ich trete ihn auf 80 km/h, der Motor schreit auf, die Reifen rauchen, wir wollen es wissen.
Und wenn die Fahrt endet, das Ziel erreicht ist? Dann gleite ich die Auffahrt der Garage hinunter. Das Tor öffnet sich, der Wagen rollt bergab, ich schmiege den Wagen in die Lücke. Die Musik erstirbt, Stille umgibt mich. Und ich bin ganz entspannt. Ich steige aus, drücke die Tür sanft zu und streiche mit der flachen Hand noch einmal kurz über den Wagen. Er knackt leise zur Antwort. Endlich Ruhe in mir. Was für ein geiles Auto.