Facel II: filigran und gewaltig

Facel II: filigran und gewaltig


Porträt

Der einsame Angler freut sich: Noch niemand da. Himmlische Stille über dem Lac du Mont Cenis, oben in den Rhone-Alpen, Dreitausender rundum, die Sonne steht noch nicht hoch. Eben ist ein Verrückter in einem Sportwagen vorbeigetrötet, aber von dem hört man nichts mehr. Es wird noch dauern, bis die lästigen Touristen mit ihren Wohnmobilen die Passstraße hochgeeiert kommen. Wundervoll. Der Angler wirft die Rute aus und stutzt: Da grummelt doch was.

Von der Südseite, jenseits der Staumauer, schafft sich was die Straße hoch. Der Angler denkt zuerst an einen Panzer – Quatsch, die Kasernen an der Grenze nach Italien sind längst geräumt, das ist – was? Es bollert und grummelt, es quietscht mit den Reifen (definitiv kein Panzer), es heult wie eine zerfallende Kirchenorgel.

Dann blitzt ein Stück Chrom, das Monstrum hat die Hochstraße am See erreicht und erfüllt das weite Tal am See mit unheiligem Bollern. Was macht der denn, denkt der Angler und fühlt sich irgendwie an diese amerikanischen Kitschfilme erinnert, die mit den Dinosauriern … ich bin doch kein Höhlenmensch, redet er sich zu und zieht doch ein bisschen den Kopf ein. Das Auto verschwindet immer wieder mal in einer Biegung, dann dröhnt nur das Echo vom anderen Seeufer, gleich ist das Auto wieder zu sehen und brüllt die Straße entlang, was um Himmels Willen ist das? Geduckt und mächtig, fette Räder, ein filigranes Dach auf dem bulligen Körper, dazu dieses Dröhnen …

Der Angler ist ein aufgeklärter Mensch und widersteht dem Impuls, sich zu bekreuzigen. Es ist doch nur ein Auto. Und was für eins. Was für eins?

Jagdfieber am Col de l'Iseran 

Bernd Dahmen ist im Jagdfieber. Er weiß, eine Minute vor ihm fährt dieser freche MGB, und den will er einholen. Hier oben auf knapp 2000 Meter, wo linker Hand der Stausee liegt, ist die Straße breit und gut ausgebaut und schwingt sich in langgezogenen Kurven und sanften Hängen den See entlang.
Perfektes Terrain für den Facel. Hier lässt ers fliegen, hier kann er seine Beine lang machen, so wie es ihm liegt, muss sich nicht dauernd um Spitzkehren falten, hier kann der Chrysler-V8 unter der Haube so richtig ein Fass aufmachen. Walhalla! Hojoto-ho! Voll grimmiger Freude lässt Bernd Dahmen sich in den Sitz drücken, hält das dünne Lenkrad fest und tritt seinem Facel II auf den Kopf. Oh ja, so ist es richtig …

Zwanzig Minuten später hat er den Wettlauf verloren. Den MGB holt er zwar ein, auf der Nordrampe des Col du Mont Cenis und dem anschließenden Anstieg zum Col de l'Iseran hat der Roadster Geländenachteil, da gibt’s wenig Kurven und dieser Facel kann unbarmherzig angasen. Auf der Südrampe hoch zum Iseran gibt’s auch viele langgezogene Stücke, da zieht der Facel wie zwölf Ochsen, und oben auf der Passhöhe wars fast soweit, dass sich der MGB geschlagen geben musste.

Das verflixte Mäuerchen 

Dann das Mäuerchen. Bernd Dahmen steht davor, ein schüchternes Alpengemäuer, drei Ziegel hoch, völlig belanglos. Er verpasst dem Mäuerchen einen Tritt und geht zurück zu seinem Auto. Mist – eine Beule in der Flanke hinter dem rechten Vorderrad, höchstens 40 cm lang, aber sie zieht den Blick an. Verflixtes Mäuerchen – einmal nicht genau hingesehen, zu sehr auf den MG geachtet, in der Spitzkehre zu weit nach innen gezogen – KA-RUNSCH.

"So wilde Alpentouren mach ich heute nicht mehr mit dem Facel. Er hat sich gut gehalten, aber andere Autos sind einfach besser geeignet." Die Alpentour war im Sommer 2005, Bernd Dahmen geht seither schonender mit seinem Facel um. Die Beule in der Flanke hat ziemlich im Geldbeutel gezwickt, und sie hat Bernd Dahmen nochmal vor Augen geführt, dass es nicht so gut ist, wenn am Facel etwas kaputtgeht. Blech ist das geringste Problem, ein guter Blechner bekommt das wieder hin. Schlimmer war die Zierleiste unter dem Einstieg, ein zwei Meter langes VA-Teil, gewölbt, mit eingeschobenen Schrauben zur Fixierung. "Total irre, da hat man keine Chance das zu ersetzen. Ich hab schon gedacht, jetzt hast du’s versaut, aber dann fand ich einen Heizungsinstallateur, der mir das Teil original aus Edelstahl nachbauen konnte."

Noch schlimmer als das Mäuerchen am Iseran fürchtet Dahmen den Tag, an dem er am Türgriff zieht, es Knack! macht und er ein Stück morschen Aludruckguss in der Hand hält. Er weiß, das wird kommen, Aluguss aus den Sechzigern ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Da wird Bernd Dahmen jemanden auftreiben müssen, der das nachgießen kann, oder selbst die Drehbank anwerfen.

Ohne teures Werkzeug gehts nicht 

Es wäre nicht das erste Mal. Ein paar Bedienhebel für Heizung und Lüftung hat er schon nachgedreht, und letzthin dem Lenkhebel eine neue Verzahnung gegeben. Das wurde notwendig, weil er dem Facel eine Servolenkung eingebaut hat. Servolenkung war eine Werksoption, Pumpe und Hydraulik kann man deshalb vom Markenclub bekommen, der Amicale Facel Vega. Was es nicht zu kaufen gibt, ist ein Lenkgetriebe mit passender Übersetzung. Zum Glück hat Bernd Dahmen hochspezialisierte Geräte in seinem Betrieb stehen, mit denen man die notwendige Fertigungsgenauigkeit erreichen kann.

"Er lenkt sich nicht mehr so schön präzise, aber dafür kann ich mit dem Auto jetzt auch mal in die Stadt fahren und steige nach dem Einparken nicht schweißgebadet aus. Obwohl, das ist so eine Sache mit der Innentemperatur im Facel." Der Motor drückt enorme Hitzeschwaden in die Kabine. Es gibt zwar eine Klimaanlage, aber so richtig durchdacht ist die nicht, sie bläst einem nämlich von hinten aufs Genick. So bekommt man heiße Füße und einen steifen Nacken – aber so war das damals, echte Klimaanlagen im Auto waren völlig neu und nicht in jeder Hinsicht perfekt durchdacht.

Trotzdem ist die Kabine ein Ort zum Wohlfühlen, und an all den wundervollen Anzeigen und Bedienelementen kann man seinen Spieltrieb ausleben. Es darf halt nichts kaputtgehen …

"Obwohl das Auto so massiv aussieht, ist es ziemlich filigran gebaut. Wenn man die Scheiben raus nimmt, kann der Dachaufbau aus der Form geraten. Man merkt, dass die Franzosen damals was anderes unter Finish verstanden, da darf man nicht mit Mercedes-Maßstäben rangehen."

Der letzte der Grand Routiers 

Aber wer fragt schon nach Spaltmaßen. Facel Vega ist das letzte Aufblühen der großen Tradition französischer Grand Routiers; der Facel II ist der Erbe von Bugatti Typ 57 und Delahaye 135, mit denen die Playboys vor dem Krieg in sechs Stunden von Paris nach Nizza brausten – ohne Autobahn! Als die Franzosen noch Grands Routiers bauten, machten sie sie sehr grand: Kraft im Überfluss, Luxus sowieso – dazu aber Eleganz in ebenso großem Maß. Alle drei Qualitäten zusammen zu bringen, das schafften in Europa damals nur die Franzosen.

In den Sechzigern brachte Facel Vega es tatsächlich fertig, an diese Tradition anzuknüpfen. Wen kümmerts schon, dass der Chrysler-V8 von eher profaner Herkunft ist? Diese Motoren sind selbst für heutige Begriffe gewaltig in Ton und Output – damals waren sie unvergleichlich, und darum dem Facel Vega angemessen.

Der Facel II ist enorm eindruckvoll. Wen er steht, dann steht er nicht herum wie andere Autos, sondern ist anwesend, und zwar sehr. Er fährt nicht irgendwo hin, er setzt neue Akzente in der Landschaft. Manch einsamer Angler kann das mit Nachdruck bestätigen.

Dieser Artikel erschien am 21.03.2008