Erfahrungsbericht Mercedes Benz SE 400 W 140 ( 1991 )

Erfahrungsbericht Mercedes Benz SE 400 W 140 ( 1991 )

Autos werden nicht gekauft. Autos laufen einem zu – ob man es will oder nicht. Wiebke Brauer über ein riesiges und garstiges Ungetüm, das sich gerade an sie heranschleicht und versucht, im ihrer Garage eine neue Heimat zu finden. 

Das Problem mit Autos ist, dass sie einem zulaufen. Du hast dir überlegt, dass es mal Zeit für einen neuen Wagen wäre, vielleicht einen Amerikaner, mit maximal viel Feuer unter der Haube und einem Durst wie Keinentschlus aus dem Asterix-Comic „Das Geschenk Cäsars“. Vielleicht auch ein alten Japaner, die hattest du bis jetzt noch gar nicht auf dem Zettel, bis dir auffiel, dass die kleinen Designwunder zu Unrecht völlig unterschätzt werden. 

Und dann läuft er dir zu. Gut, bei einem Mercedes SE 400 von 1992 kann man nicht wirklich von „zulaufen“ sprechen, weil man von diesen Riesenkisten eher das Gefühl hat, dass der Berg zum Propheten kommt und ihn versehentlich überrollt. Aber da steht er. Gigantisch, dunkelblau, ein Trumm von einer Kiste, billig und ungewollt. Du wunderst dich nicht mehr, dass die S-Klasse damals von vielen „Backstein“, „Schuhkarton“ oder „Panzer“ genannt wurde. Es hieß, man könne mit diesem Auto nicht nach Sylt fahren, weil es zu breit für die Wagons der Bahn sei. Witze wie „Warum darf man mit der S-Klasse nicht am Sonntag fahren? – Wegen des Sonntagsfahrverbots für Lkw“ wurden erzählt. Andererseits schrieb man über den Wagen, dass er „das Zeitalter der FCKW-freien Automobile“ einläuten und erstmals eine „neue Katalysatortechnik zur schnelleren und umfangreicheren Wirkung“ verwenden würde. Umweltschonend? Sicher, Digga. Zu durstig, zu groß, zu plump, antizyklisch, protzig. Schlimmer noch: Pompös, ohne pornös zu sein.

Hässlich wie die Nacht ist er, ein Relikt aus den 90er Jahren mit baumpilzfarbenen Ledersitzen und dem Charme eines Betonbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg. Muss man sich für diesen postkapitalistischen Kolloss einen Anzug mit Nadelstreifen kaufen, um ihn zu fahren? In den Lions Club oder die CSU eintreten? Oder ihn mattschwarz rollen und mit einem unzüchtigen Aufkleber auf dem fetten Heck versehen? Nein, das wäre ja kindisch.

Du gehst um ihn herum und entdeckst Details wie die automatisch ausfahrenden Peilstäbe am Heck. Lautlos gleiten sie aus dem Dunkelblau, wenn man den Rückwärtsgang einlegt, was auf den ersten Blick keinen Sinn macht, da dieser kastige Wagen recht übersichtlich zu sein scheint, wenn man ihn mit einem Neuwagen vergleicht. Du lässt dir erklären, dass der Kofferraumgriff aus dem Wagen gleitet, damit man sich die Finger nicht beschmutzt. Du bewunderst die Scheiben mit 9,5 Millimeter dicker Doppelscheiben-Isolierverglasung, die das Gelärm der Plebejer von dir fernhält.

Alles in allem ein Wagen, den du nicht brauchst, nicht willst, nicht magst und nicht passt. Jetzt sieht er dich mit seinen riesigen Derrick-Augen an, die Sitze glänzen im Sonnenschein wie frischer Tabak, die Außenspiegel klappen an den Wagen. Wie ein afrikanischer Elefant, der die Ohren anlegt und sich niederkniet, um dich aufsteigen zu lassen. Oh je. Vielleicht brauchst du ihn doch.

Mehr Informationen über das Modell: www.mb-w140.de