Eine Felge ist kein Hintern

Eine Felge ist kein Hintern

Gullideckel, Kanaldeckel, Barock und Teller: Hinter jedem Autoteil verbirgt sich ein ganzer Kosmos von Fans und Fachausdrücken. Wehe, man wirft einen kurzen Blick hinein. Ein Abgrund öffnet sich – und man gewinnt ganz neue Erkenntnisse.

Felgen. Stellen Sie sich vor, Sie interessieren sich nicht für Felgen. Gut, sie sind Teil des Autos, diese runden Dinger, manche aus Stahl, manche aus Aluminium, man unterscheidet zwischen gegossenen und geschmiedeten Felgen, man zieht Reifen darauf. Es geht um Zoll, um Aussparungen, man differenziert zwischen „Barock“, „Teller“, oder auch „Gulli“. Sie wissen zumindest, dass sich andere Menschen sehr für Felgen interessieren. Sie kennen vielleicht sogar einen guten Bekannten in Ihrer Umgebung, der einmal eine mit „Wolfrace-Felgen“ fuhr, nach eigener Aussage „natürlich dunkelgrün und das Teuerste an der Kiste.“ Sie haben gelernt, dass nicht jede Schraube in jede Felge passt. Zumindest nicht bei Mercedes. Und dass diese Differenz von zwei Millimetern Sie einige Nerven gekostet hat.
Eines Tages stolpern Sie per Zufall über eine amerikanische Internetseite, auf der man sich über einen mit 32-Zoll-Felgen amüsiert, der in der Tat wie ein Auto mit Elephantiasis aussieht. Darunter entdecken Sie Kommentare, in denen sich Leser darüber beschweren, dass der Autor keinen Sinn für „donks“ hätte. „Interessantes neues Wort“, denken Sie und schlagen einmal nach, was es bedeuten könne. Merkwürdigerweise finden sich zu dem Begriff „donk“ mehrere Erklärungsansätze. Natürlich handele es sich um eine Abkürzung für „Donkey“, also um einen Esel. „Das kommt wohl nicht ganz hin“, denken Sie, was soll denn ein Esel mit übergroßen Felgen zu tun haben. Die nächste Erläuterung weist darauf hin, dass es sich um einen Slang-Ausdruck für einen besonders umfangreichen weiblichen Hintern handele. Schließlich sei das Wort auch musikalisch von dem amerikanischen Country-Sänger Trace Adkins in dem Stück: „Honk Tonk Balonkadonk“ verewigt. „Ah ja.“ In diesem Moment fragen Sie sich ernsthaft, ob es nicht sinnvoller wäre, seine Zeit mit Wäsche aufhängen zu verbringen. Aber eigentlich möchten Sie es nun genau wissen.
Drei bis vier Mausklicks später finden Sie endlich heraus, dass es sich bei einem „Donk“ meist um einen 71er bis 76er Chevrolet Impala oder Caprice handelt. „Donks“ hätten zumeist 22- bis 26-Zoll-Felgen und seien in Down South zu finden. Und die Nummer mit dem Esel ist deswegen nicht ganz falsch, weil der – die Impala ist eine afrikanische Antilope – von seinen Besitzern eben „Donkey“ oder kurz „Donk“ genannt wurde. Abgesehen davon wäre ein „Donk“ wie ein „Bubble“. Bloß älter. Manche hießen auch „Box“. Allgemein gehören aber alle zur Gattung der „Hi-Riser“ oder „Sky-Scraper“. Hochgestelzte Tuningschleudern eben.
Sie schließen die Augen. Ein ganzer Stapel von unnützen Informationen rumpelt in Ihrem Kopf herum. Sie wissen nicht mehr, was Sie vorgestern zu Mittag gegessen haben. Wen Sie nächsten Montag unbedingt anrufen wollten und wann Ihre Mutter Geburtstag hat. Aber die Nummer mit den „Donks“ und den „Bubbles“ werden Sie behalten. Obwohl Sie sich nicht für Felgen interessieren. Aber wer weiß, wozu es jemals gut sein wird.